Full text: Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

92 Reorganisation der preußischen Wehrverfassung. 
Heere nicht in Konstantinopel eingezogen waren, nach dessen Besitz den Russen 
gemäß ehrwürdigen Überlieferungen seit Jahrhunderten gelüstete. Sein Nach- 
folger, der menschenfreundliche Alexander II., suchte die von seinen Unter- 
thanen gebrachten schweren Opfer einigermaßen vergessen zu machen und die 
in seinem weiten Reiche herrschende Aufregung zu beschwichtigen, indem er 
den auf den niederen Volksschichten lastenden Druck linderte, die Leibeigenschaft 
aufhob und noch andre Reformen ins Werk setzte. 
Die Austragung der sogenannten „orientalischen Frage“ war vertagt, 
aber andre europäische „Fragen“ drängten mehr und mehr auf ihre beschleu- 
nigte Erledigung hin. In Italien dauerte die Beunruhigung der Gemüter 
auch nach dem Frieden von Villafranca fort. Die ersehnte Einigung der ita- 
lienischen Staaten zu einer nationalen Monarchie hatte sich durch das ent- 
schlossene Vorgehen des Königs Viktor Emanuel und dank der Staatsklugheit 
seines weit ausschauenden Ministers Cavour und der Kühnheit des alten 
Freiheitskämpfers Garibaldi in der Hauptsache verwirklicht, nachdem der 
letzte Bourbon und seine heldenmütige Gemahlin die Trümmer der tapfer ver- 
teidigten Feste Gakta verlassen hatten. Schon 1861 war das große Werk so 
weit gediehen, daß Viktor Emanuel, nach Verschmelzung der Lombardei, der 
mittelitalienischen Herzogtümer und Neapels samt Sizilien mit seinem König- 
reiche Sardinien, den Titel: „König von Italien“ annehmen konnte. Die von 
Napoleon III. ausgegebene Losung: „Italien frei bis zur Adria!“ harrte nur 
in bezug auf Venedig noch der Erfüllung. Die großen Errungenschaften, zu 
denen Italien plötzlich gelangt war, genügten aber den italienischen Patrioten 
nicht. Die Freundschaft des hoch emporgekommenen dritten Napoleon, der bei 
der Einigung Italiens freilich nicht leer uusgegangen war, gedachte man zu 
benutzen, um auch in den Besitz von Venedig zu gelangen, über dessen La- 
gunen noch das Banner Österreichs flatterte. „Italien frei bis zur Adria!“ 
blieb also auch sortan der Wahlspruch der italienischen Patrioten. 
Deutschland hatte sich noch nicht aus seiner trostlosen Versunkenheit auf- 
zuraffen vermocht. Allerdings war das Gefühl der Zusammengehörigkeit im 
Volke mächtig erstarkt, aber der Held, der die Nation zu kräftigerem Handeln 
emporzureißen vermocht hätte, war noch nicht hervorgetreten. In Berlin ließ 
die Lenkung des Staatsschiffes oft auf wenig glückliche Hände am Steuer 
schließen, und in den letzten Jahren waren viele treue Anhänger des Königs- 
hauses mit Besorgnis dem oft schwankenden Laufe des Fahrzeuges gefolgt. Da 
trat, zwar nicht unerwartet, aber schneller als die meisten geglaubt hatten, 
eine Wendung und Klärung der Verhältnisse ein. Im Oktober 1857 rief der 
erkrankte Monarch den persönlich bis dahin wenig hervorgetretenen Prinzen 
von Preußen als Stellvertreter an seine Seite. Ein schweres Gehirnleiden 
Friedrich Wilhelms IV. hatte sich fortgesetzt verschlimmert. Die Verfassungs- 
urkunde verordnete für den Fall, daß der König regierungsunfähig würde, die 
Einsetzung einer Regentschaft.
	        
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