Full text : Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

Einzelschilderungen.  51

Peter  aber  hatte  Knochen,  die  einen  Puff  vertragen  konnten;  bald  stand  er
wieder  auf,  knurrte  verdrießlich:  „Dat  die  dat  Dunnerwädder!“  —  nahm  einen
Schluck  Branntwein  aus  der  Feldflasche  und  hantierte  wieder  bei  seinem  Geschüt.
  —  Seinen  größten  Arger  bildeten  ein  paar  Berliner  Freiwillige,  die
bei  unsrer  Batterie  eingetreten  waren  und  ihn  durch  ihr  ewiges  Schwatzen  sehr
genierten.  „Wie  dee  Göse  (Gänse)  schnatert  dat  den  ganzen  Dag  und  weet
nich,  dat  dee  leew  Heergott  dat  Muul  tum  Aten  un  nich  tum  Snacken  makt
hätt.“  Einmal,  als  wir  in  einem  Bauernhause  waren,  malten  ihm  diese  beiden
Berliner,  während  er  schlief,  mit  einer  Holzkohle  einen  großen  schwarzen  Schnurrbart
  in  sein  rotes  rundes  Gesicht.  Als  er  aufwachte  und  wir  lachten,  besah
er  sich  im  Spiegel  und  erriet  sogleich  die  Thäter.  Ruhig  ging  er  auf  sie  zu,
packte  sie  mit  seinen  riesigen  Fäusten  im  Genick  und  stieß  sie  mit  den  Köpfen  so
heftig  zusammen,  daß  jeder  eine  dicke  braune  und  blaue  Beule  auf  der  Stirn
bekam.  „Heft  jie  dummen  Jungs  mie  dat  Mul  swart  makt,  so  will  ick  juch  dee
Köp  swart  maken“,  rief  er  mit  komischem  Ernste  aus.

„Heute  früh  —  nachdem  er  sich  neuen  Buttervorrat  angeschafft  —  arbeitete
  er  noch  mit  uns  im  heftigsten  feindlichen  Feuer,  wiewohl  ihn  die  unglückliche
  Stadt,  die  wir  jetzt  in  Brand  schießen  sehen  mußten,  sehr  dauerte,  so  daß
er  einmal  über  das  andre  sagte:  „Dee  schöne  Stadt,  nee,  dee  schöne  Stadt,  so
meng  Pund  Tobak  häb  ick  mie  dor  boeft,  un  nu  mroet  ick  see  in  Brand  scheeten
seihn,  wie  duurt  mie  dat.“  In  einer  Pause,  während  unfre  Batterie  neue
Munition  faßte,  schmierte  er  sich  wie  gewöhnlich  das  soundsovielte  Butterbrot
und  zeigte  mir  dann  wehmütig  seine  leere  Butterdose  mit  den  Worten:  „Nu
ist  mien  Bodder  all,  und  dit  dat  letzte  Bodderbrot,  wat  ick  mir  schmeeren  kann.=Er
  hatte  es  kaum  gegessen,  da  traf  ihn  eine  dänische  Stückkugel  in  die  Seite,
so  daß  er  heftig  blutend  niederstürzte.  Wir  wollten  ihn  forttragen.  „Lat  mie
man  ruhig  liggen,  mit  Schleswig-Holstein  is  et  ut  un  mit  mie  ook.  Adjees.“
Mit  diesen  Worten  drehte  Hans  Peter  sich  um  und  —  war  tot.

„Ja,  er  kann  recht  haben:  mit  Schleswig-Holstein  ist  es  aus.  Morgen,
heißt  es,  wird  Befehl  zum  Rückzuge  gegeben  werden,  nachdem  so  mancher  tapfere
Kerl  hier  vor  diesem  verwünschten  Neste  ins  Gras  gebissen  hat.  Wir  werden
wieder  ins  Land  zurückmarschieren,  auf  den  Dörfern  umherliegen  und  ich  werde
wieder,  wie  schon  früher  einmal,  drei  Wochen  lang  als  Vedette  in  einem  Storchnest
  sitzen  müssen,  um  nach  einem  Feinde  zu  spähen,  der  sich  nicht  sehen  läßt,
täglich  aus  Langerweile  zwei  Pfund  Tabak  zu  rauchen  und  nach  der  besseren
Zukunft  für  die  armen  Herzogtümer  auszuschauen,  womit  es  aber  etwas  spät
werden  wird.  Mittlerweile  werden  die  großen  Herren  ein  Waffenstillständchen
schließen,  welches  nicht  lange  darauf  in  einen  Frieden  umgewandelt  werden  wird,
und  wir  Freiwilligen  können  dann  nur  immer  sehen,  wo  der  Zimmermann  das
Loch  gelassen  hat.“

Was  unser  Gewährsmann  befürchtete,  das  sst  eingetroffen.  Wer  jene  Zeit
nicht  mit  erlebt  hat,  kann  sich  keinen  Begriff  von  der  damaligen  Ohnmacht
Deutschlands  machen.  In  allen  Staaten  vortreffliche  Truppen,  in  allen  Landen
mächtige  Begeisterung,  überall  Reden  und  Versammlungen,  aber  nirgends  ein
Mann,  welcher  dies  schöne  Material  zusammenzuschweißen  und  zu  verwerten

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