Volltext : Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

56  Bürgerliche  Wirren  in  Deutschland.

Folgen  des  18.  März  1848  in  Lerlin.  Als  die  Kunde  von  den  Pariser
Ereignissen  in  Preußens  Hauptstadt  anlangte,  waren,  wie  schon  erwähnt,  auch
in  Berlin  die  Flammen  der  Empörung  ausgebrochen.  Während  des  18.  März
wehte  auf  mehr  als  200  Barrikaden  die  schwarz-rot-goldene  Fahne.  Unter
dumpfem  Sturmläuten  aller  Glocken  knatterten  die  ganze  Nacht  hindurch  die
Gewehre,  und  es  wurde  an  vielen  Stellen  mit  Erbitterung  gekämpft.  Friedrich
Wilhelm  IV.  that  zuletzt  weiterem  Blutvergießen  Einhalt,  indem  er  den  Befehl
  zum  Rückzug  der  Truppen  gab;  er  erlaubte,  daß  eine  Bürgerwehr  errichtet
  wurde,  erließ  eine  allgemeine  Amnestie  und  verhieß  freisinnige  Einrichtungen.
  Eine  Zeitlang  schien  es  fast,  als  gehe  der  König  damit  um,  sich
an  die  Spitze  der  deutschen  Bewegung  zu  stellen.  Aber  Rußlands  jeder  freien
Regung  feindlicher  Einfluß  zeigte  sich  mehr  als  je  thätig  und  übermächtig,
und  schließlich  geriet  der  überaus  gewissenhafte  Monarch  in  Zwiespalt  mit  sich
selbst.  Neue  Ausschreitungen  des  Berliner  Pöbels,  welcher  sich  in  jenen  Tagen
am  wohlsten  zu  fühlen  schien,  wenn  es  drunter  und  drüber  ging,  bestärkten
den  König  in  seinen  Bedenken.

Unverbesserliche  Umsturzmänner  stürmten  und  plünderten  am  15.  Juni
das  Zeughaus.  Die  Kopf=  und  Ratlosigkeit  der  Behörden  ermutigte  die
aufgeregten  Massen,  immer  weiter  zu  gehen  in  ihren  Ausschreitungen  und  in
ihren  Forderungen.  Das  Verlangen  nach  Aufhebung  aller  Standesunterschiede,
die  Errichtung  einer  Republik  und  andre  Hirngespinste  der  Kommunisten  und
selbstsüchtiger  Volksbeglücker  verdrängten  die  vernünftigeren  Vorschläge  der
wahrhaft  freisinnigen  Männer,  welche  von  der  trunkenen  Menge  mit  Messer
und  Strick  bedroht  wurden.  Jetzt  war  die  Geduld  des  Monarchen,  der  sich
nach  Potsdam  zurückgezogen  hatte,  erschöpft.  General  von  Wrangel,  zum  Oberbefehlshaber
  in  den  Marken  ernannt,  besetzte  Berlin  mit  den  soeben  aus  Schleswig
  siegreich  zurückgekehrten  Truppen  und  verhängte  den  Belagerungszustand
über  die  Hauptstadt.  Zuletzt  erfolgte  die  Auflösung  der  Bürgerwehr,  die
allgemeine  Entwaffnung,  sowie  das  Verbot  aller  politischen  Vereinigungen.
Aber  alle  diese  Maßnahmen  wurden  von  dem  volkstümlichen  alten  Soldaten
auf  so  rücksichtsvolle  Weise  getroffen,  daß  schließlich  doch  Ruhe  in  die  Gemüter
einkehrte.

Verkündigung  der  Verfassung.  Am  5.  Dezember  fand,  nachdem  in  monatelangen
  Beratungen  eine  Einigung  zwischen  dem  Landtage  und  den  Vertretern
der  Krone  nicht  zu  erzielen  gewesen  war,  die  Verkündigung  der  oktroyierten,
d.  h.  vom  Könige  aus  eigner  Machtvollkommenheit  dem  Lande  verliehenen
Verfassung  statt,  welche  zwar  manche  MWünsche  der  fortschrittlichen  Liberalen
unerfüllt  ließ,  aber  doch  mit  dem  altpreußischen  Ständewesen  brach  und  Preußen
in  die  Reihe  der  konstitutionellen  Staaten  einführte.

Währenddessen  war  es  am  Sitze  der  Nationalversammlung  in  Frankfurt
a.  M.  nicht  viel  besser  hergegangen  als  in  Berlin.  Die  schlimme  Wendung,
welche  die  Dinge  in  Schleswig-Holstein  genommen,  und  die  unliebsame  Rolle,
welche  Preußen  dabei  gespielt  hatte,  mußte  in  allen  Teilen  Deutschlands  große
Aufregung  hervorrufen;  ganz  besonders  galt  die  Entrüstung  dem  sogenannten