Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

276  J  Heinrich  Becker

 

legende  Forderung  der  jungen  Türkei.  Kein  auch  wic  immer  geartetes
Protektorat  und  keine  internationale  Aufsicht.  Dazu  gehörte  aber  Stärkung
  der  Staatsantorität,  vor  allem  Reorganisation  des  Hceres.  Schon
diese  Aufgabe  aber  verlangte  eine  Klärung  der  staatsrechtlichen  Grundgedanken
  des  Reiches.  In  diesem  Punkte  gingen  die  Meinungen  der
Parteien  stark  auseinander,  und  die  erbitterten  Kämpfe  zwischen  den
verschicdenen  Komitces  galten  hauptsächlich  der  grundsätzlichen  Stellung
zu  dem  Staatsproblem.  Es  war  ein  gewaltiges  Ringen  um  die  Staatsform,
  ob  unionistische  oder  bundesstaatliche  Ausbildung,  und  um  den
Staatscharakter,  ob  neutraler  Verfassungsstaat,  türkischer  Mationalstaat
  oder  islamischer  Kalifenstaat.  Die  erste  Frage  bildete  den  Hauptgegensatz
  zwischen  dem  Komitce  für  Einheit  und  Fortschritt  einerseits
und  den  Liberalen  andcererseits.  Ein  türkischer  Staatsmann)  hat  den
Gegensatz,  der  ihm  auch  ein  Gegensatz  der  Bildung  zu  sein  schien,  charakterisiert
  als  den  zwischen  der  Zentralisierung  Frankreichs  und  der
Oczentralisation  Englands  und  seiner  Tochterstaaten:  „Au  fond,  la
lutte  des  deusx  partis  était  bien,  en  effet,  la  lutte  des  idées  d’  Auguste  Comte
contre  celles  de  Stuart  Mill  et  de  Demolins.“  Aufs  engste  hing  damit  das
zweite  staatsrechtliche  Problem  zusammen,  obwohl  sich  hier  die  Verfechter
  der  verschiedenen  Theorien  oft  in  einer  Partei  zusammenfanden.
Sollten  die  verschiedenen  Nationalitäten  und  Religionen  mit  gleichen
Rechten  und  Pflichten  unter  der  Parole  der  osmanischen  Staatsgemeinschaft
  sich  zusammenfinden?  Das  war  die  Ansicht  namentlich  der  Theoretiker
  aus  Paris  —  oder  sollte  das  Türkentum  als  herrschende  Schicht
alles  durchtränken  und  Anschluß  suchen  an  die  türkischen  Stammcsbrüder
  außerhalb  der  Landesgrenzen?  —  so  hofften  mit  manchen  Konstantinopeler
  Kreisen  die  Vorkämpfer  des  russischen  Tatarentums  —  oder
sollte  endlich  die  glorreiche  Kalifentradition  gewahrt  bleiben,  wie  sie  von
Abdulhamid  ausgebildet  worden  war,  und  der  panislamische  Zusammenhang
  als  Mittel  außen-politischen  Einflusses  gepflegt  werden,  wie
weite  Kreise  der  Mohammedaner,  besonders  der  arabischen,  aber  auch
der  gemeine  Mann  im  Heere  dachte?

Man  hat  das  türkische  Parlament  und  den  Streit  der  Komitecs  oft
scharf  kritisiert,  aber  konnte  sich  diese  gewaltige  Entscheidung  ohne
Kämpfe  vollziehen?  Die  Ideale  des  Kalifenstaates  und  die  der  Französischen
  Revolntion  sind  nun  einmal  nicht  ohne  Kompromiß  zu  vereinigen.
  Zunächst  siegte  dic  liberale,  europäisch-neutrale  Form;  man
stellte  die  Christen  in  das  türkische  Heer  ein,  das  ihnen  vordem  verschlossen
  war.  Die  Utopisten  in  der  ganzen  Welt  jubelten.  Es  war  keine

1)  Revue  du  monde  musulman  XXI  (1912).  p.  175  fl.