Full text : Preußische Geschichte. Erster Band. (1)

336  Zweites  Buch.  Die  erste  hohenzollernsche  Staatogründung.

Bauern  in  Wassen  rief,  hatte  keine  Wirkung.  Kaum  daß  man
die  Hauptstadt  gegen  einen  Handstreich  deckte:  ihre  Einwohnerzahl
  reichte  nicht  aus,  um  fünfzig  Mann  täglich  zur  Bewachung
der  Thore  aufzubringen.  Deshalb  sperrte  man  das  Spandauer
und  das  Stralauer  Thor,  mußte  aber  um  Johanni  selbst  die
Erimierten  zum  Wachtdienst  heranziehen.  Und  als  die  Dänen
endlich  abzogen  und  Mansfeld  über  Schlesien  die  Verbindung
mit  Bethlen  Gabor  suchte,  da  respektierte  der  nachrückende
Wallenstein  die  Neutralität  Brandenburgs  natürlich  auch  nicht.
Eigentlich  hatte  Georg  Wilhelm  schon  keine  Wahl  mehr.  Sowohl
  die  von  seinen  Räten  vertretene  bewaffnete  wie  die  von
den  Ständen  verfochtene  unbewaffnete  Neutralität  war  kläglich
zu  Schanden  geworden.  Neutralität  war  überhaupt  unmöglich,
unmöglich  aber  auch  eine  Parteinahme  für  die  eben  erliegende
dänisch-niederrheinische  Koalition.  Nur  das  Bündnis  mit  dem
siegreichen  Kaiser  verhieß  Sicherheit:  je  schneller  man  es  abschloß,
  um  so  eher  erlangte  man  vielleicht  einige  Zugeständnisse.
So  urteilte  auch  Schwartzenberg,  entsvrechend  dem  Standpunkte,
  den  er  von  Anfang  an  vertreten  und  dem  der  Verlauf
  der  Dinge  Recht  gegeben  hatte.

Dazu  kam,  was  aus  Preußen  gemeldet  wurde.  Brandenburge
  neueste  Schwenkung  beseitigte  alle  Zweifel  Gustav  Adolfs.
Noch  im  Juni  erschien  er  mit  seiner  Flotte  vor  Pillau.  Die
paar  hundert  Mann,  deren  Anwerbung  die  letzten  Bewilligungen
des  Landtages  ermöglicht  hatten,  und  die  vier  im  Hafen  liegenden
Schiffe  konnten  ihn  nicht  hindern:  ohne  einen  Schuß  ergab  sich
die  Fesung.  Den  bestürzt  herbeieilenden  Oberräten  erklärte  er,
er  komme  als  Freund  und  verlange  Pillau  nur,  um  beim
Marsch  gegen  die  Pfaffenknechte  im  Ermland  im  Rücken  gedeckt
  zu  sein.  Den  Hinweis  auf  die  Pakte  mit  Polen  wies  er
barsch  ab:  von  einem  Mittelweg  könne  nicht  die  Rede  sein,
das  würde  ihnen  nur  den  Hals  brechen,  sie  müßten  „Ertrema
ergreifen",  entweder  zu  ihm  oder  zu  Polen  halten.  Er  wies
hin  auf  das  Schicksal,  das  Preußeno,  blieb  es  polnisch,  wartete.
„Wehrt  euch,“  rief  er,  „ihr  habt  viertehalbtausend  Ritter  im
Lande,  nehmt  mich  zum  General,  ich  will  euch  zu  Hilfe  kommen
ohne  Sold.“  Zu  solcher  Kühnheit  waren  die  preußischen  Herren