Full text : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

Vorwort.  VII

Wie  oben  gesagt  hat  die  Sprache  zwei  Formen,  in  denen  sie
zur  Erscheinung  kommt,  die  Grammatik  und  den  Ausdruck  der
lebendigen  Rede.  Beide  Formen  haben  ihre  künstlerische  Seite.

Der  Stil  ist  die  der  Grammatik.  Der  Vortrag  ist  die
der  lebendigen  Rede.

Die  gewöhnliche  Art  des  Sprechens  ist  das  Gespräch,  wo
die  Rede  zwischen  zwei  oder  mehr  Personen  wechselt.  Sobald
aber  in  kleinerem  oder  größerem  Kreise  nur  einer  spricht  und
die  anderen  hören,  wird  das  Sprechen  zum  Vortragen.  Schon
innerhalb  eines  Gesprächs  kann  sich  eine  Art  Vortrag  ent—
wickeln,  wenn  z.  B.  einer  etwas  Längeres  erzählt,  etwas  erklärt,
seine  Ansicht  in  längerer  Rede  entwickelt.  Zur  höchsten  Stufe
steigert  sich  aber  der  Vortrag,  wenn  jemand  berufen  ist  vor
einem  größeren  Auditorium  zu  reden,  wie  der  Prediger,  der
Rechtsanwalt,  der  Gemeinde=  oder  Volksvertreter,  ꝛc.  Bei  dem
Vortrage  ist  aber  das  gut  Sprechen  eine  unumgängliche  Notwendigkeit,
  da  nur  dadurch  der  Hörer  gefesselt  werden,  und  so
der  Zweck  des  Vortrags  erreicht  werden  kann.

Wenn  man  nun  im  gewöhnlichen  Leben  die  Menge  von
schlechten  Angewohnheiten  beim  Sprechen,  das  Stottern,  das
Lispeln,  das  Übereilen,  das  Verschlucken  von  Silben,  die  Undeutlichkeit,
  die  unschönen  Anklänge  an  Mundarten  und  damit
die  unreine  Aussprache  rc.  hört,  und  wenn  man  dagegen  betrachtet
  daß  in  unseren  Zeiten  fast  jeder  in  geselligen  Kreisen,
vor  Gericht,  in  Versammlungen,  in  der  Offentlichkeit  überhaupt
in  die  Lage  kommt  vor  Zuhörern  allein  sprechen  zu  müssen,  so
bedarf  es  wohl  keines  Beweises  daß  Ubungen  in  der  Kunst  des
Vortrags  immer  notwendiger  werden.

Wenn  der  Vortrag  nun  eine  Kunst  ist,  so  muß  sich  dafür
auch  eine  Theorie  aufstellen  lassen,  oder  mit  anderen  Worten:
es  muß  für  den  Vortrag  Grundsätze,  Gesetze,  Regeln  geben.  Für
eine  dem  Vortrage  nahe  verwandte  Kunst,  die  des  Gesanges,
hat  man  die  Grundsätze,  die  Theorie,  schon  längst  erforscht,  und