Volltext : Protokolle der im October 1873 im Königlich Preußischen Unterrichts-Ministerium über verschiedene Fragen des höheren Schulwesens abgehaltenen Conferenz.

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dorf  bemerkt,  daß  diese  Grundsätze  bei  den  speciellen  Vorschlägen
für  den  Lehrplan  nicht  zur  Geltung  gebracht  seien;  er  habe  überhaupt
  nicht  den  Eindruck  gewinnen  können,  als  ob  mit  der  Behauptung,
  das  Gymnasium  solle  den  berechtigten  Anforderungen
des  gegenwärtigen  Lebens  entgegen  kommen,  Ernst  gbewacht  werde;
es  scheine  vielmehr  nur  zur  Bildung  künftiger  Philologen  bestimmt,
so  sehr  weise  man  jede,  auch  die  kleinste  Beschränkung  des  altclassischen
  Sprachunterrichtes  ab.  .

Was  die  einzelnen  Lehrfächer  anlangt,  so  wurde  dem  Vorschlage
  des  Referenten,  den  Religionsunterricht  in  Ouinta  um
eine  Stunde  zu  kürzen,  von  einer  Seite  (Dillen  burger)  widerprochen,
  und  die  Beibehaltung  der  gegenwärtigen  drei  Unterrichtssrrache
  daselbst  empfohlen.  Von  anderer  Seite  (Techow)  ging
man  dagegen  noch  weiter,  und  empfahl,  nicht  bloß  in  der  Quinta,
sondern  auch  in  der  Sexta  den  Religionsunterricht  auf  zwei  wöchentliche
  Stunden  zu  beschränken;  dies  entspreche  ganz  seinem  Zweck
in  den  unteren  Classen,  aas  den  Coufirmandenunteriicht  vorzubereiten.
  Dazu  reiche  die  beschränktere  Zeit  vollkommen  aus.
Für  das  Lateinische,  in  Bezug  auf  welches  der  Referent
die  Beibehaltung  des  gegenwärtigen  Zustandes  befürwortet  hatte,
glaubte  Hr.  Dillenburger  für  Ouinta  und  Sexta  zwei  Stunden
entbehren  zu  können,  ohne  die  Erreichung  der  Classenziele  zu  gefährden.
  Die  oberen  Classen  wünschte  er  bezüglich  der  Syntax  zu
entlasten,  um  mehr  Spielraum  für  die  Lectüre  zu  gewinnen;  was
gegenwärtig  gelesen  werde,  bemerkte  er,  genüge  nicht,  den  Schüler
in  den  Geist  des  classischen  Alterthums  einzuführen.  In  Prima
wünsche  er  überhaupt  keinen  grammatischen  Unterricht  mehr.  Dagegen
  halte  er  mit  dem  Referenten  die  Uebung  des  lateinischen
Aufaa  8  und  des  lateinischen  Sprechens  sar  nutzbringend.  Für  die
Beibehaltung  des  lateinischen  Aufsatzes  sprach  man  sich  auch  von
anderer  Seite  aus  (Schrader,  Hofmann,  Klix,  Kruse,
Meffertl  Doch  wurde  vom  Dir.  Kruse  die  oft  geforderte  große
Zahl  der  lateinischen  Aufsätze  nicht  gebilligt.  6

Hr.  Ostendorf  sprach  dagegen  mit  Entschiedenheit  gegen  den
lateinischen  Aufsatz.  Er  führte  aus,  daß  der  Aufsatz  doch  nur  als
ein  niedergeschriebenes  Sprechen  betrachtet  werden  könne;  das
Sprechen  in  einer  abzestorbenen  Sprache  aber  ein  Anachronismus
sei;  woher  es  dann  komme,  daß  der  lateinische  Aufsatz  nur  eine
Phrasensammlung  darstelle  und  an  Werth  für  den  Schüler  dem
lateinischen  Scriptum  weit  nachgestellt  werden  müsse.  Dem  wurde
vom  Schul  R.  Hofmann  entgegnet:  man  sei  allgemein  darüber
einverstanden,  daß  der  lateinische  Unterricht  eine  möglichst  vielseitige
Uebung  im  Denken  sein  müsse  und  daß  er  seine  Aufgabe  nicht
erfülle,  wenn  er  nicht  die  Schüler  bis  zu  einem  genauen  Verständniß
  der  alten  Autoren  fördere;  ein  solches  sei  aber  ohne  Kenntniß