Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

348  Fünftes  Buch.  Der  Zusammenbruch.

Nachteil  übereilt,  und  ließ  ihr  —  sie  hatte  inzwischen,  46  Jahre
alt,  den  einundzwanzigjährigen  Theaterdichter  und  Schauspieler
Franz  v.  Holbein  in  Breslau  geheiratet  —  die  Güter  zum
Teil  zurückgeben,  gewährte  ihr  auch  (sie  starb  erst  1820  in
Berlin)  wiederholt  pekuniäre  Unterstützung.

Auch  sonst  wurde  manches  anders.  Der  Regen  von  Titeln,
Ehren  und  Orden,  der  bisher  angedauert,  hatte  ein  Ende,
nicht  minder  die  bisher  herrschende  Verschwendung.  Natürlich
galt  der  junge  König  alsbald  vielen  für  geizig.  Selbst  Mutter
und  Bruder  sollten  vergeblich  zur  Deckung  ihrer  Schulden  eine
Beihilfe  aus  Staatsmitteln  erbeten  haben.  Friedrich  Wilhelm
hielt  eben  daran  fest,  daß  die  Staatseinkünfte  nicht  für  den
Herrscher  und  seine  Bedürfnisse  da  seien,  sondern  nur  ein  ihm
anvertrautes  Gut,  das  bloß  für  die  Zwecke  verwendet  werden
darf,  für  die  es  bestimmt  ist.  Wie  es  Friedrich  dem  Großen
möglich  geworden  sei,  den  Siebenjährigen  Krieg  ohne  Schulden
zu  führen,  war  eine  seiner  ersten  Fragen  an  den  Obertresorier
Grafen  Blumenthal.  Sicheren  Blicks  hatte  er  den  Punkt  erkannt,
  aus  dem  alle  Verlegenheiten  Preußens,  innere  wie  auswärtige,
  entsprangen.  In  der  Herstellung  der  finanziellen
Ordnung  sah  er  die  nächste  und  vornehmste  Aufgabe.  Die  Rückkehr
  zu  der  früher  üblichen  genauen  Rechnungsführung  brachte
Ordnung  in  das  verwilderte  Kassenwesen,  enthüllte  freilich  auch
noch  nachträglich  böse  Unredlichkeiten.  Durchweg  wurde  den
Beamten  der  allzu  lange  vergessene  Begriff  der  Pflicht  in  Erinnerung
  gebracht.  Des  Königs  eigenes  Leben  war  ganz  von
ihm  beherrscht.  Schon  der  frühe  Morgen  fand  ihn  bei  der  Arbeit,
die  er  in  wohlgeordneter  Planmäßigkeit  erledigte.  Nur  so  hoffte
er  seinem  Berufe  einigermaßen  gerecht  werden  zu  können.  Auch
wollte  er  selbst  regieren,  nicht  anderen  die  Geschäfte  überlassen.
Nur  sein  Wille  sollte  gelten.  Doch  lag  gerade  in  diesem  stark
ausgeprägten  autokratischen  Sinn  eine  Schwäche  und  eine
Gefahr.

Gründliche  Studien  hatte  der  König  nur  in  militärischen
Dingen  gemacht.  Da  besaß  er  Kenntnisse,  Urteil,  Initiative.
Die  Verwaltung  kannte  er  nur  oberflächlich:  da  fehlte  ihm  die
allein  durch  eigene  Erfahrung  erreichbare  lebendige  Anschauung.