Full text : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

170  Der  rhythmische  Ton.

der  Sprache  besteht  in  der  Abwechslung  von  kurzen  und  langen
Silben“,  so  ist  diese  Erllärung.  eine  ungenügende,  denn  sie
nimmt  auf  die  Tonstärke  keine  Rücksicht.

Auch  in  der  Musik  ist  die  Abwechslung  der  Dauer  der
Töne  nicht  allein  das  rhythmische  Element,  sondern  die  Stärke
des  Tons  kommt  dabei  ebenfalls  mit  in  Betracht.  Dies  thut  sich
vornehmlich  in  dem  kund,  was  die  Musiker  den  guten  und  den
schlechten  Taktteil  nennen.  Bekanntlich  heißt  die  erste  Note  im
4  und  3¾-Takt  der  gute  Taktteil,  die  anderen  der  schlechte.  So
ist  im  ¼-Takt  die  erste  und  dritte  Note  der  gute,  die  zweite
und  vierte  der  schlechte  Taktteil.  Der  gute  ist  von  dem  schlechten
Taktteil  durch  einen  leichten  Nachdruck,  einen  leichten  Accent
unterschieden.  Bei  Noten  von  gleicher  Höhe  und  Dauer  kommt
der  gute  und  schlechte  Taktteil  aber  ebenfalls  vor  —  bei  ihnen
also  kann  dieser  Nachdruck  nur  durch  Tonstärke  hervorgebracht
werden.  Der  gute  und  schlechte  Taktteil  sind  aber  ein  wesentliches
  Moment  des  musikalischen  Rhythmus  —  und  somit  ist
es  klar  daß  die  Tonstärke  im  Rhythmus  der  Musik  wesentlich
beteiligt  ist.  Der  leichte  Nachdruck  auf  den  guten  Taktteil  in
der  Musik  ist  aber  keine  willkürliche  Erfindung,  er  ist  in  der
Natur,  dem  Bedürfnisse  des  Ohres  begründet.

6  Wir  sprechen  zunächst  von  der  Tondauer  als  rhythmischem
lement.

§  64.  Die  Tondauer  der  Silben  beruht  auf  anderen  Gründen,
  als  die  ihrer  Tonstärke.  Es  giebt  überhaupt  zwei  wesentliche
  Elemente,  welche  sich  bei  der  Ausbildung  einer  Sprache
geltend  machen,  das  logische  und  das  phonetische  (euphonische).

Das  logische  Element  bildet  die  Richtigkeit  der  Sprache
aus,  in  folgerechter  Bildung  der  Wörter,  der  Sätze,  der  Konstruktionen
  und  in  folgerechter  Betonung  der  Wörter.  So  ist
der  ganze  Wortton  rein  logisch,  indem  er  immer  das  Wichtigste
im  Grundtone  hält,  das  minder  Wichtige  zurücktreten  läßt.

Das  phonetische  Element  strebt  dagegen  nach  Wohlklang.
Es  ist  zumteil  in  der  Wortbildung  wätig,  vorzüglich  aber  in
der  Tondauer  der  Silben.  Beinahe  in  allen  Sprachen  machen
sich  beide  Elemente  geltend.  In  einzelnen  überwiegt  bald  dieses,
bald  jenes.

n  der  Entwickelung  des  Deutschen  ist  vornehmlich  das
logische  Element  wirksam  gewesen.  Das  phonetische  macht  sich
jetzt  nur  untergeordnet  geltend,  und  wo  es  mit  dem  logischen
in  Widerstreit  kommt,  muß  es  diesem  nachstehen.