Full text : Die Finanz- und Zollpolitik des Deutschen Reiches.

Reichsinvalidenfonds,  dem  er  auch  angegliedert  wurde.  Doch  war
ihm  ein  noch  weniger  glückliches  Schicksal  als  seinem  älteren
Bruder  beschieden.  Es  betrugen:

die  Etatansätze  die  wirklichen  Einnahmen
des  Fonds
1906  22  000  000  —
1907  48  000  000  42  382427
1908  53  000  000  —
1909  40  000  000  —

Die  Mindererträge  des  Fonds  sind  auf  verschiedene  Ursachen
zurückzuführen.  Die  wichtigste  ist  jedenfalls  in  dem  System
der  Einfuhrscheine  zu  erblicken.  1894  war  der  lIdentitätsnachweis
  für  Getreide  aufgehoben  worden.  Bei  der  Ausfuhr  von
Getreide  wurden  fortan  sogenannte  Einfuhrscheine  in  Höhe  des
Zollbetrages  des  ausgeführten  Gretreides  ausgestellt,  die  den
Inhaber  berechtigten,  an  irgend  einer  anderen  Stelle  des  Reiches
für  den  gleichen  Zollwert  Getreide  innerhalb  6  Monaten  zollfrei  einzuführen
  oder  den  Schein  innerhalb  3  Monaten  zur  Zollzahlung  für
bestimmte  Waren  (Getreide,  Mehl,  Kaffee,  Petroleum)  zu  verwenden.
  Da  Deutschlands  Getreidebedarf  größer  ist  als  seine
Produktion,  konnten  daraus,  namentlich  auch  deshalb,  weil  die
Zollsätze  für  die  einzelnen  Getreidearten  annähernd  gleich  hoch
waren,  Schädigungen  der  Reichskasse  nicht  entstehen.

Das  änderte  sich,  als  in  dem  neuen  Tarif  für  Futtergerste
ein  Zollsatz  von  1,30  Mk.  für  Roggen  und  Hafer  hingegen  ein
solcher  von  5  Mk.  eingeführt  wurde.  Da  beide  Getreidearten
weder  im  Preise  noch  im  Futterwert  erheblich  voneinander  abweichen,
  war  die  Zolldifferenz  für  Handel  und  Landwirtschaft  ein
Anreiz,  um  Hafer  auszuführen  und  Gerste  einzuführen.  Der  Landwirt,
  der  auf  diese  Weise  in  seiner  Wirtschaft,  z.  B.  zur  Verfütterung,
  eine  Tonne  Hafer  oder  auch  Roggen  durch  eine  Tonne
Futtergerste  ersetzte,  erzielte  auf  Kosten  der  Reichskasse  einen
Gewinn  von  rund  37  Mk.!}  Dieser  Vorgang  hat  denn  auch,  dafür
sorgte  schon  der  Getreidehandel,  in  ganz  erheblichem  Umfange
Platz  gegriffen.  Damit  trat  gleichzeitig  eine  Verschiebung  der
Anbauverhältnisse  ein,  der  Anbau  von  Futtergerste  ging  zurück,
während  Roggen-  und  Haferanbau  zunahmen.

Die  Schädigung  der  Reichskasse  für  den  Austausch  von
heimischem  Roggen,  Hafer  und  dergl.  gegen  fremde  Futtergerste

)  Zoll  für  eine  Tonne  Hafer  so  Mk.,  abzüglich  13  Mk.  Zoll  für  eine  Tonne  Gerste
bleiben,  die  Unkosten  nicht  gerechnet,  37  Mk.