Contents : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

1571  Ueber  die  Verhütung  der  Produktionskrisen  2c.  157

ohne  Ueberlegung,  wie  Viele  dieselbe  Operation  ohne  Schaden  machen
können  und  wie  Viele  sie  wirklich  machen.  Wird  aber  auch  eine  Ueberlegung
  angestellt,  wer  ist  denn  im  Stande,  bei  großen  Verschiebungen  in
den  Produktions=  oder  Konsumtionsverhältnissen,  über  welche  gar  keine  Erfahrungen
  vorliegen,  die  ganze  dadurch  verursachte  Bewegung  von  Kapital
und  Arbeit  zu  übersehn  und  ihre  Wirkungen  mit  den  ewig  wechselnden
Bedürfnissen  und  der  durch  sie  bestimmten  Nachfrage  zu  vergleichen  Es
ist  gar  nicht  zu  vermeiden,  daß  auch  die  sorgfältigsten  Schätzungen  und
Ueberlegungen  zu  Schlüfssen  kommen,  die  mit  dem  wirklichen  Verlaufe  in
grellem  Widerspruch  stehen.

Die  Berechnungen  werden  nun  überdies  auf  so  zweifelhafter  Grundlage
angestellt  unter  dem  Einfluß  der  wechselnden  menschlichen  Stimmungen.
Eine  Menge  von  Nebenumständen  nicht  eigentlich  wirthschaftlicher,  sondern
mehr  politischer  und  socialer  Art,  welche  die  Gemüther  der  Menschen  im
Allgemeinen  bald  mehr  einer  rofigen,  bald  einer  trüben  Auffassung  der
Dinge  geneigt  machen,  haben  den  entscheidendsten  Einfluß  darauf.  Dies
pfychologische  Moment  ist  für  die  Perioden  der  Aufregung  und  Depression
von  der  größten  Bedeutung.  Dieselben  Thatsachen,  welche  zu  Zeiten  ohne
erheblichen  Einfluß  auf  das  wirthschaftliche  Leben  vorübergehn,  erregen
übertriebene  Hoffnungen  auf  allgemeine#  Gedeihen,  wenn  die  allgemeine
Stimmung  aus  Gründen  nicht  unmittelbar  wirthschaftlicher  Art  eine  so
gehobene  ist,  wie  sie  in  Deutschland  von  1871—73  war,  und  umgekehrt
wirken  Befürchtungen  aller  Art  in  besonders  deprimirender  Weise,  sowie  einmal
  die  allgemeine  Stimmung  gedrückt  ist.

Aber  die  bisher  betrachteten  Vorgänge  würden  für  sich  allein  noch
immer  nicht  eine  so  allgemeine  Preissteigerung  und  die  auch  in  den  übrigen
Zweigen  der  Erwerbsthätigkeit  enorm  erhöhte  Unternehmungslust  hervorrusen,
  wie  wir  fsie  in  den  Jahren  18583,  1856,  1857,  und  1871—  73
gesehen  haben.  Es  würde  in  Folge  derselben  eine  partielle  Ueberspekulation
und  Absatzstockung  entstehen,  Verluste  würden  in  den  betreffenden  Gewerbszweigen
  vorkommen,  aber  zu  einer  allgemeinen  Kalamität  werden  die  betrachteten
  Verschiebungen  und  die  sich  daran  knüpfenden  Täuschungen  erst
durch  die  Rückwirkung  auf  die  anderen  Zweige  der  Volkswirthschaft  und
durch  die  sich  daran  knüpfenden  Spekulationen.

Es  kommt  da  zweierlei  in  Betracht.

Einmal  müssen  die  in  hohem  Maß  vermehrten  Kapitalanlagen  und
die  gesteigerte  Erwerbthätigkeit  in  wichtigen  und  großen  Gewerbzweigen
auch  nach  den  Produkten  anderer  Gewerbe  eine  gesteigerte  Nachfrage  und
dadurch  eine  Steigerung  ihres  Preises  hervorrufen  und  zu  erhöhter  Produktion
  anregen.  Die  Wechselwirkung,  in  welcher  die  verschiedensten  Zweige
gewerblicher  Thätigkeit  stehen,  ist  so  eng,  daß  es  mitunter  schwer  ist  zu
erkennen,  wo  in  einer  Periode  steigender  Preise  der  Anfang  war  und  was
weitere  Folge  ist.  In  der  Regel  werden  in  erster  Linie  solche  Gewerbe
betroffen,  die  nicht  Produkte  zum  unmittelbaren  Verbrauch,  sondern  zur
Herstellung  von  dauernden  Kapitalanlagen  hervorbringen.  Die  vermehrte
produktive  Thätigkeit  bedarf  vor  Allem,  um  überhaupt  stattfinden  zu  können,
dermehrter  Produktionsmittel,  der  Gebäude,  der  Maschinen,  der  Geräthschaften
  ꝛc.  Darum  werden  die  Preise  des  Eisens,  des  Bauholzes  und  an-