Full text: Leopold von Ranke's sämmtliche Werke. 29. Band. Zwölf Bücher Preußischer Geschichte. (29)

206 Elftes Buch. Siebentes Capitel. 
Noch war der sächsische Hof nicht ohne Kräfte des Widerstandes. 
Das eigene Heer, unter Führern von angesehenem Namen, zurück- 
gedrängt, aber bei weitem nicht überwunden, zählte 25000 Mann 
und ward jetzt durch das Grünesche Corps mächtig verstärkt. Nach- 
dem Prinz Carl in der Lausitz das sächsische Gebiet verlassen, hatte 
er sein Heer durch Böhmen an die andere Seite der sächsischen Gren- 
zen herangeführt, die er, von Aussig und Leutmeritz kommend, über- 
schritt. Die Macht, die sich sammelte, schien nicht allein den Sachsen 
selbst, sondern auch manchem Andern stark genug, um die beabsich- 
tigten Angriffe auf die brandenburgischen Lande auch jetzt noch durch- 
zuführen. Hat doch sogar einer der namhaftesten und tapfersten 
preußischen Generale, Goltz, in Uebereinstimmung mit dem Erbprinzen 
von Dessau einmal die Meinung ausgesprochen, es möchte noch viel 
zu fürchten sein, und den Frieden selbst mit einigem Verlust zu er- 
kaufen gerathen. 
König Friedrich dagegen meinte, daß man auf diesen Feind, wo# 
möglich noch ehe er alle seine Kräfte vereinigt habe, losgehen und 
„die Sachsen aus Sachsen herausjagen“ müsse; er war nur ungeduldig, 
daß der Fürst von Anhalt sich erst mit Ortschaften wie Wurzen, 
Grimma und Torgau beschäftigte und überaus langsam vorrückte. 
Ein merkwürdiger Gegensatz erscheint zwischen diesen beiden Na- 
turen, die jetzt einmal zusammenwirken mußten. Auf der einen Seite 
der junge König, der nur Feuer und Leben ist, die ganze Lage der 
Dinge, die Gefahr des Verzuges übersieht, die Tage zählt, wo das 
Eine und das Andere geschehen und Alles vollendet sein könne. Auf 
der andern der alte Anhalt, der die methodische Langsamkeit und Vor 
sicht, die man an ihm kannte, diesmal noch überbot, sich nur in den 
gemessensten Schritten vorwärts bewegte, gleich als wollte er ein Lehr- 
exempel geben, wie ein Land wie Sachsen methodisch zu erobern sei, 
ohne nur den geringsten festen Platz im Rücken zu lassen. Der König, 
schon durch die Art wie Fürst Leopold seinen ersten Vermuthungen 
über die Absichten der Feinde widersprochen hatte, beleidigt, hielt fast 
dafür, als wolle ihn dieser durch geflissentlichen Gegensatz der Welt 
als einen übereilten jungen Menschen vorstellen. Wären es ein paar 
einander gleichstehende Führer gewesen, so dürfte ihr Mißverständniß 
schlechte Folgen gehabt haben; diesmal aber war bei der Raschheit 
auch die Autorität, und Friedrich zögerte nicht, sie geltend zu machen. 
Er llagte den Fürsten einer Saumseligkeit an, die Alles zu Grunde 
richten könne, und forderte ihn in nicht sehr rücksichtsvollen Ausdrücken 
zu lebhafteren Anstrengungen auf; er würde sonst zu dem Aeußersten
	        
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