Full text : Bavaria. Landes und Volkskunde des Königreiches Bayern.

Zur  Geschichte  der  Volksbildung  und  des  Unterrichts.  939

gehen,  damit  er  wieder  den  Bedürfnissen  der  Fremden,  Gäste  und  Reisenden
steuern  könne,  muß  vom  Standpunkt  des  9.  Jahrhunderts  beurtheilt  werden.
Von  diesem  Standpunkte  aus  hat  er  sicherlich  das  Urtheil  der  Nachwelt  nicht
zu  scheuen,  die  sich  vielmehr  dankbar  erinnern  soll,  daß  das  Wessesbrunner
  Gebet  in  der  Augsburger  Diöcese  seine  Geburtsstätte  hat.

Die  Verwüstungen  des  Landes  durch  die  Ungarn  konnten  nicht  ohne  die
nachtheiligsten  Folgen  für  die  Lehranstalten  sein.  Manches  Kloster  ging  in
Flammen  auf,  manche  Klostergemeinde  ward  zersprengt,  viele  handschriftliche
Schätze  gingen  unrettbar  verloren.!)  Da  war  es  nun  der  Geistesmann  Bischof
  Ulrich  (1973)  aus  dem  Geschlechte  der  Grafen  von  Dilingen,  welcher
das  Zerstörte  wieder  aufrichtete,  in  Kempten  und  Ottenbeuren  selbst  als  Abt
wirkte,  die  Schulen  wiederherstellte  und  verbesserte  und  den  Lerneifer  der
jungen  Kleriker  durch  Aussicht  auf  Beneficien  und  höhere  Würden  weckte.
Auf  dem  von  ihm  gelegten  Grunde  bauten  auch  seine  Nachfolger  fort.  Unter
  Luitolf  (7  996)  genoß  die  Domschule  so  hohen  Rufes,  daß  ihr  von
auswärts  Mönche  zugesendet  wurden.  Es  ist  darüber  ein  merkwürdiger
Brief  des  Propstes  Wigo  von  Feuchtwang  an  den  Scholaster  der  Angsburger
  Domschule  vorhanden,  „wo  alle  freien  Künste  nach  übereinstimmendem
Zeugniß  der  Gelehrten  in  ergiebigstem  Maße  gelehrt  werden  und  die  Bibliothek
  einen  unerschöpflichen  Reichthum  an  Büchern  besitze.“  Wer  dieser  Scholaster
  gewesen,  ist  leider  nicht  gesagt.  Er  ist  nur  mit  F.  bezeichnet  ohne
Zweifel  Froumund  von  Tegernsee,  der  Dichter  des  Ruodlieb,)  jener  Typus
  eines  fahrenden  Schülers,  von  dem  es  gewiß  ist,  daß  er  auch  in  Augsburg
  einen  Theil  seines  unstäten  Lebens  zugebracht  habe.  Aus  seinen  eigenen
  Briefen  nämlich  geht  hervor,  daß  er  in  Augsburg  tödtlich  krank  gelegen
und  einen  Boethius,  den  er  abgeschrieben  und  glossirt,  daselbst  zurückgelassen.
Nun  gewinnt  erhöhtes  Interesse  die  weitere  Notiz,  daß  er,  in  den  alten  Classikern
wohl  bewandert,  streng  darauf  drang,  in  Briefen  und  bei  rednerischen  Ausarbeitungen
  statt  Albericus  lieber  Tullius,  Macrobius,  Sallust  und  Terenz
sich  zum  Muster  zu  nehmen;  daß  er  in  Briefen  von  seinem  „geliebten  Horaz“
  spricht  und  zum  Besten  seiner  Schüler  das  von  Remigius  zu  den  Gedichten
  des  Sedulius  angelegte  Wörterbuch  abschreiben  ließ.  Dieß  alles
wirft  ein  Streiflicht  auf  die  Schule  in  Augsburg,  aus  der  u.  a.  auch  der
vierte  Nachfolger  Ulrichs,  Gebhard  (#  1000),  einer  der  gelehrtesten  Männer
  seiner  Zeit,  und  der  Tegernseer  Abt  Gozbert  (I  1001)  hervorgegangen
  waren.  Daß,  nachdem  die  Zeiten  wieder  ruhiger  geworden,  auch  in

1)  Vgl.  P.  Luitpold  Brunner,  Die  Einfälle  der  Ungarn  in  Deutschland,  Programm
zum  Jahresbericht  der  k.  kath.  Studienanstalt  von  St.  Stephan  zu  Augsburg
vom  J.  1874,55.

:)  Bgl.  Holland,  Geschichte  der  altdeutschen  Dichtkunst  in  Bayern,  Regensb.  1862,
S.  51  ff.