Full text : Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Vierter Band. (4)

318  Der  Feldzug  im  Westen  vom  27.  Jan.  bis  26.  Mai  1917

konnten  daher  in  den  kritischen  Tagen  des  Rüchzuges  nicht  zu  größeren
Vorstößen  schreiten.  Der  Brite  geriet  zwar  in  wachsende  Unruhe,  aber  alle
Versuche,  den  wallenden  Schleier  zu  zerreißen,  scheiterten  an  der  Wachsamkeit
  und  dem  Widerstand  der  deutschen  Flankenhuten.  Auch  der  Franzose
wurde  völlig  überrascht  und  stand  zuletzt  vor  ausgeräunten  Gräben.  Am
13.  März  lagen  nur  noch  einzelne  Kompagnien  in  den  alten  deutschen  Linien
auf  dem  Westufer  der  Somme,  am  17.  März  fegten  die  lecten  Geschoß.
garben  über  das  Niemandsland.  Dann  traten  die  Nachhuten  den  Rückzug
  an,  um  in  der  Zone  der  Siegfriedstellung  unterzutauchen.  Gewaltige
Emladungen  erschütterten  die  Luse,  Flammensäulen  stiegen  gen  Himmel,
die  lehten  Brücken  brachen  zusammen.  Als  englische  Flieger  zur  WVerfolgung
  auf  die  abrückenden  Kompagnien  herabstießen,  wurden  sie  von
Maschinengewehren  empfangen  und  vertrieben.  Vorrollende  Tanks  gerieten
ins  Bodenlose  und  blieben  stecken.

Am  19.  März  war  der  Rüchzug  vollendet.  Die  Schlachtfelder  an  der
Somme,  an  der  Tortille  und  an  der  Ancre  lagen  verlassen,  die  Linien  zwischen
Roye  und  Dreslincourt  waren  geräumt.  Die  deutsche  Westfront  war  um
70  Kilometer  verkürzt.

Als  der  Feind  sich  zur  Verfolgung  aufraffte  und  dem  Werteidiger
mit  stärkeren  Kräften  nachstieß,  traf  er  auf  die  künstlich  geschaffene  Wüstenei.
Kraftwagen  und  Geschüge  stauten  sich  auf  den  gesprengten  Straßen,  die
Infanterie  geriet  in  Minenfelder,  die  Kavallerie  fand  weder  Furten  noch
Brücken.  Der  Vormarsch  wurde  zerstückt,  die  Bewegung  unterbunden.
Die  englischen  und  fronzösischen  Armeen,  die  den  Hauptschlag  der  geplanten
großen  Früblingsoffensive  führen,  die  deutsche  Somme=  und  Ancrefront
durchbrechen  und  dadurch  das  ganze  Gebäude  der  Verteidigung  zum  Einsturz
  bringen  sollten,  saben  sich  um  den  Angriff  betrogen.  Der  Aufmarsch
Mivelles  fiel  in  sich  ausammen.  Als  sich  gar  herausstellte,  daß  der  Deutsche
auch  im  Mündungswinkel  der  Aisne  abbaute  und  von  Tracy  auf  St.  Gobain
  wich,  als  das  mächtige  geschichtliche  Bollwerk  des  Schlosses  Couey
gesprengt  wurde,  der  rechte  Flügel  der  Heercsgruppe  Kronprinz  Wilhelm
die  Front  von  Wailly  nach  La  Fere  nordwestlich  abbog  und  die  deutsche
Bogenstellung  von  der  Oise  bis  zur  Ailekte  plötzlich  von  der  strategischen
Bildfläche  verschwand,  geriet  die  englisch-französische  Heeresleitung  vollends
  in  Verwirrung.  Nivelle  drängte  auf  eilfertige  Verfolgung,  so  unklar
die  Lage  auch  erschien.  Sir  Douglas  Haig  aber,  dem  die  Schlachten  an  der
Somme  den  Marschallstab  eingetragen  hatten,  witterte  in  dem  strategischen
Rückzug  Hindenburgs  eine  Falle,  erhob  Einwände  und  verlangte  Verstärkungen,
  bevor  er  sich  unter  solchen  Umständen  zum  Angriff  bereit  erklärte.

Auch  im  französischen  Heere  wurden  Stimmen  laut,  die  zur  Vorsicht
mahnten.  Allgemeine  Unsicherheit  riß  ein,  die  Amrisse  der  strategischen
Lage  verschwammen  im  Ounkel.