Volltext : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

670  Erste  sichere  Nachrichten  über  Preußens  Haltung.

wurde  der  italienische  Gesandte  in  Berlin  Graf  Barral  beauftragt,  sich  ins  preußische
  Hauptquartier  zu  begeben,  um  dort  die  gleiche  Frage  zu  stellen.  Baron
Werther  riet  ihm  aber  dringend,  nicht  abzureisen,  da  dies  ganz  überflüssig  sei;
und  in  der  Tat  hätte  er  vom  Hauptquartier  aus  seine  Regierung  auch  nicht
schneller  telegraphisch  unterrichten  können,  als  Bismarck  den  Grafen  Usedom.#

Wenn  Bismarck  mit  der  Angabe  bestimmter  Bedingungen  Italien  gegenüber
  zögerte,  so  hatte  das  seinen  sehr  einfachen  Grund  darin,  daß,  wie  wir
wissen,  im  preußischen  Hauptquartier  beskimmte  Entschlüsse  darüber  damals
noch  gar  nicht  gefaßt  waren.  Auch  Goltz  erhielt  ja  erst  am  9.  Juli  seine  erste
Insiruktion,  und  noch  am  8.  hielt  man  dort  einen  Gedanken  fest,  überhaupt
nichts  vorzuschlagen,  sondern  ein  Angebot  von  Frankreich  zu  erwarten,  oder
den  Jusammentritt  von  Bevollmächtigten  aller  Beteiligten  zu  verlangen.
Sandte  doch  Bismarck  am  8.  Juli  die  bestimmte  Erklärung  an  Usedom,
daß  Preußen  einen  Waffenskillskand  unter  Bezugnahme  auf  seine  Verpflichtung
  mit  Italien  abzulehnen  entschlossen  sei,  und  von  Italien  das  gleiche
Verfahren  erwartes;  selbstverständlich  war  dabei  vorausgesetzt,  daß  die  französische
  Vermittlung  bestehen  bleibe,  sich  aber  zunächfst  auf  die  Feststellung  geeigneter
  Friedensbedingungen  zu  richten  habe;  erst  wenn  diese  gelungen  sei,
sollte  vom  Waffenstillskand  die  Rede  sein.  Hingegen  verlangte  Bismarck  am
9.  Juli  nochmals  eine  bestimmte  Erklärung  Italiens,  daß  es  Venetien  von
Frankreich  nicht  annehmen,  und  den  Krieg,  wenn  Venetien  von  Frankreich
gedeckt  werde,  wenigstens  gegen  Südtirol  und  zur  See  weiterführen  werde.

Am  10.  Juli  hatte  Usedom  diese  beiden  Telegramme  Bismarcks  noch  nicht
in  den  Händen.  Die  Erregung  in  Italien  stieg,  ein  Ministerrat  sprach  sich
dahin  aus,  daß  Preußen  gegen  den  Vertrag  verstoßen  habe,  indem  es  überhaupt
  Verhandlungen  über  einen  Stillstand  geführt  habe,  ohne  Italien  davon
zu  unterrichten  und  indem  es  den  gefangenen  öfterreichischen  Offizieren  nur  ihr
Wort  abnehme,  nicht  gegen  Prenußen  zu  dienen,  während  Italien  dabei  nicht
genannt  werde.  Usedom  ließ,  indem  er  dies  mitkeilte",  deutlich  merken,  daß  er
diese  Beschwerden  für  berechtigt  halte.  Wenige  Stunden  darauf  erhielt  er  Bismarcks
  Telegramm  vom  9.  und  teilte  es  Ricasolis  mit.

Tel.  Werthers  an  Bismarck  v.  9.  Juli.  Barral  reiste,  wie  Werther  am  10.  Juli  meldete,
trotzdem  ab,  nachdem  er  einen  neuen  ausdrücklichen  Befehl  dazu  aus  Florenz  erhalten  hatte.

:  Tel.  von  Horritz  8.  Juli  3  Uhr  nachmictags,  gedr.  Bernhardi  155.

*  Tel.  von  Hohenmauth  9.  Juli  8  Uhr  20  abends,  gedr.  Bernhardi?,  137.  Nach  seiner
Angabe  war  es  abgeschickt  von  Horritz  am  10.  Juli  8  Uhr  zo  nachm.  und  traf  in  Florenz
am  rr.  Juli  2  Uhr  20  vorm.  ein.  Aus  dlesem  Telegramm  geht  deutlich  hervor,  daß  Bismarck
  von  den  Italienern  niemals  verlangt  oder  erwartet  hat,  sie  sollten  den  Angriff  auf
Venetlen  fortsetzen,  wenn  dieses  katsächlich  von  Frankreich  in  Besitz  genommen  wäre.

Tel.  v.  ro.  Juli,  gedr.  Bernhardl  156.

*  Tel.  v.  10.  Jull,  gedr.  Bernhardl  158.