Unter den sächsischen und fränkischen Kaisern. 145
aber widernatürlicher Reichsbau zu zerfallen; denn unter
dem schlaffen Regiment seines Nachfolgers hatten die
Nationalitäten Zeit und Gelegenheit, sich auf sich selbst zu
besinnen und auf sich selbst zu stellen. Der Vertrag von
Verdun (843) schien die naturgemäße Scheidung der
Völker von Mittel-, West= und Südeuropa in germanische
und romanische Nationen zu vollziehen. Allein schon
war, zum unberechenbaren Unglück unseres Vaterlandes,
die Idee eines „Heiligen römischen Reiches deutscher Na—
tion“ zu einer fixen geworden. Wie hätte sonst selbst ein
Karl der Dicke ihrer Verwirklichung sich unterfangen
dürfen? Es wäre jedoch ein einseitiges Verfahren, wollte
man die Verfolgung des abendländischen Kaisergedankens
nur dem Ehrgeiz deutscher Herrscher auf Rechnung schreiben.
Denn ein mindestens ebenso wirksames, wenn nicht
wirksameres Motiv war die Politik der römischen Bischöfe,
welche im Interesse der Aufrechthaltung und Ausbreitung
der Kirche die Illusion der Fortdauer des römischen Cäsarismus
pflegten und förderten. Noch stand das Heidenthum
drohend und häufig angriffslustig im Osten und Norden
des Erdtheils und der römische Stuhl erkannte unschwer,
daß nur die deutsche Nation, welche allein wie ungemischt
so auch ungeschwächt sich erhalten hatte, das Banner der
Christenheit zu führen vermöge. Daß die Kurie schon
frühzeitig auf das Ziel hinarbeitete, mittelst des deutschen
Kaiserthums die Welt zu beherrschen, ist sicher. Aber
vorerst mußte sie es gerathen finden, den römisch-deutschen
Kaiser als ihren Beschützer anzuerkennen und den Papalismus
dem Cäsarenthum unterzuordnen. Erst nach aus-Scherr,
Frauenwelt. I. 10