758 Nervenkrankheiten.
nicht immer und nur für eine gewisse Zeit gelang. Alkohol, sexuelle Vorgänge,
auch Syphilis spielen bei neuralgischen Schmerzen sehr häufig mit. Die Be—
handlung wird je nach Alter und Nebenumständen verschieden sein; sie muß
auf Blutverbesserung durch Diät und erhöhte Hauttätigkeit hinzielen, örtlich
teils durch Dampfkompressen, kalte Aufschläge, Nervendehnung (durch Gymnastik),
elektrische Bestrahlung, magnetische Beeinflussung einwirken und durch Luftbäder,
Bergsteigen, reichlichen Luftgenuß Hebung des Allgemeinbefindens
anstreben. Niemals lasse man Neuralgien veralten; je frischer sie in richtige
Behandlung kommen, desto leichter sind sie zu heilen. Verkehrte Lebensweise
sowie Überarbeitung sind oft Ursache; es schwinden daher Neuralgien,
wenn man die ersteren beseitigt. Krämpfe sind übermäßige Leistungen
der Nerven und ihrer zugehörigen Muskeln, so wie Lähmungen verminderte
Leistungen sind. Man kennt „Starrkrampf“, „Suckungen“,
„Zittern“", „Blinzeln“, „Schiefhals“ usw., sowie „Brustkrämpfe“, „Gebärmutterkrämpfe“,
„Krämpfe der Bronchien“ und ähnliche, meist als Begleiterscheinungen
anderer Krankheiten auftretend, immer hohe Reizbarkeit des
Nervensystems verratend. Die Behandlung muß diese vermindern und krampflösend
einwirken. Dies geschieht durch warme Vollbäder von etwa 40 C.
zehn Minuten, warme Kompressen, Streichungen mit warmen Händen, gütliches
Zusprechen, durch den Einfluß dunkelblauer Lichtstrahlen (blaue Fensterscheiben),
Zufuhr frischer Luft Tag und Nacht, milde Diät usw. Bei
Lähmungen, sofern noch Hoffnung auf Besserung vorhanden ist, muß im
Gegenteil anregend eingewirkt werden. Kräftige örtliche Massage, reizende
elektrische Behandlung, kalte Güsse, Uübung des Willens, um Selbsttätigkeit
zu erzielen, Gymnastik bewirken mitunter noch erstaunliches. Wo aber
Schwund gewisser Teile des Gehirus oder Rückenmarks die letzte Ursache ist,
da ist keine Nerventätigkeit mehr zu erzielen. Da nicht alle Nervenkrankheiten
erkannt sind und das ganze Nervengebiet überhaupt noch viele dunkle
Punkte enthält, ist Vorsicht bei allen Anwendungen sehr nötig und ärztliche
Leitung unentbehrlich. Die Nervenschwäche ist ein besonderer Zustand,
unendlich verbreitet in unserer Zeit und die Ursache zahlloser Störungen im
menschlichen Organismus. Man führt sie auf mangelhafte Ernährung des
Nervengewebes zurück. Als Neurasthenie bezeichnet man die hohe Reizbarkeit
des Nervensystems, die zu unerträglicher Empfindlichkeit bei Abnahme
der allgemeinen Leistungsfähigkeit führt und nicht selten auch mit Hypochondrie,
ausgesprochener Geistesschwäche oder Melancholie verbunden ist.
Sexuelle Erschöpfung, geistige Überanstrengung, Blutarmut, anhaltender
Kummer, schwere Krankheiten usw. führen um so schneller dazu, wenn vererbte
Anlagen, Luftmangel, zu häufiger Alkoholgenuß unterstützende Momente
liefern. Unter günstigen Lebensverhältnissen ist Neurasthenie heilbar, auch
gewöhnliche Nervenschwäche; aber wieviele Menschen können sich jene Verhältnisse,
frei von Sorgen und Überanstrengung, schaffen, die sie nötig hätten,