Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

51  Erstes  Buch.  Der  Freiheitskampf  und  seine  Enttäuschungen.

stärken  und  den  Feind  erwarten.  Der  Zar,  Stein,  Blücher,
Gneisenau  drängten  vorwärts.  Aber  die  einen  wollten  über
den  Unterrhein  und  durch  Flandern,  die  anderen  über  den
Oberrhein  und  durch  die  Schweiz  nach  Frankreich  einbrechen.
Schließlich  kam  ein  Kompromiß  zu  stande:  den  Weg  nach  dem
als  angeblich  herrschende  Stellung  zum  Sammelplatz  bestimmten
Plateau  von  Langres  sollten  die  Oesterreicher  durch  die  Schweiz,
die  unter  Blücher  vereinigten  Preußen  und  Nussen  vom  Mittelrhein
  her  nehmen.  Darüber  aber  war  das  Jahr  fast  zu  Ende
gegangen.  Erst  in  der  Neujahrsnacht  1814  setzte  Blücher  bei
Kaub  über  den  Rhein:  mit  freudigem  Hurra  stürmten  seine
Leute  das  jenseitige  User,  und  patriotische  Lieder  singend  zogen
sie  in  das  neugewonnene  deutsche  Land  hinein.

Ohne  Schwierigkeiten  erreichten  die  Verbündeten  die  Gegend
von  Langres  (21.  Januar).  Da  veranlaßten  Differenzen  zwischen
Diplomaten  und  Militärs  einen  Stillstand.  Der  Zar  drängte
nach  Paris.  Friedrich  Wilhelm  wünschte  aus  Humanitätsrücksichten
  den  Krieg  zu  beenden.  Metternich,  militärisch  von
Knesebeck  unterstützt,  erklärte  alles  Erreichbare  für  erreicht  und
wollte  unterhandeln.  Das  eröffnete  Napoleon  unverhoffte  Aussichten
  und  verschärfte  die  Gegensätze  zwischen  den  Verbündeten.
Ein  solcher  bestand  auch  in  Preußen  zwischen  der  Thatenlust
der  Patrioten  in  Armee  und  Volk,  die  in  ihrem  Haß  gegen
den  Tyrannen  Blücher  als  nationalen  Helden  feierten,  und  der
jeder  gewagten  Entscheidung  abgeneigten  Schwäche  des  Königs,
der  froh  war,  den  unheimlichen  Volkskrieg  los  zu  sein.  So
bedingten  Blüchers  Erfolge  oder  Mißerfolge  die  Schwankungen
der  preußischen  Politik.  Mühsam  hatte  er  sich  am  29.  Jannar
bei  Brienne  Napoleons  erwehrt,  brachte  ihm  aber  schon  am
1.  Februar,  von  Oesterreichern,  Russen  und  Württembergern
unterstützt  und  ausdrücklich  zum  Oberbefehlshaber  bestellt,  bei
La  Rothiere  eine  Niederlage  bei,  die  er  zu  schnellem  Vormarsch
auf  Paris  benutzen  wollte.  Aber  das  Hauptheer  blieb  zurück:
ja  am  3.  Februar  trat  in  Chatillon  ein  Friedenskongreß  zusammen.


Die  Bevollmächtigten  der  Verbündeten  —  für  Preußen
W.  v.  Humboldt  —  sollten  im  Namen  Europas  die  Beschrän-