Full text : Lesebuch für die katholischen Volksschulen des Regierungsbezirks Düsseldorf. Zweiter Teil: Mittelstufe. (2)

—  172  —

In  jenem  Hause,  das  einst  Eigentum  ihrer  Herrschaft  gewesen  war,
mietete  sie  sich  ein  Stübchen,  zog  mit  den  Kindern  hinein  und  versorgte
  die  Waisen  wie  eine  Mutter.

Da  kam  das  Jahr  1870  und  mit  ihm  der  6.  August,  an
dem  die  Schlacht  auf  den  Spicherer  Höhen  geschlagen  wurde.  Wie
schwer,  wie  blutig  war  jener  Tag,  und  wie  tapfer  haben  unsere
Soldaten  gekämpft!  Wo  Männer  kämpfen  und  Wunden  schlagen,
da  ist  der  Frauen  Amt,  zu  helfen  und  zu  heilen.  Katharine  gab
an  diesem  Tage  den  Frauen  Deutschlands  ein  leuchtendes  Beispiel.
Ohne  Furcht  trat  sie  in  die  Gefechtslinie.  Auf  dem  Rücken  trug  sie
eine  große  Wasserbütte,  und  während  rings  die  Kugeln  sausten,  stärkte
sie  die  Kämpfenden  und  labte  die  am  Boden  Liegenden  mit  frischem
Trunke.

Ein  höherer  Offizier  bemerkte  diese  Arbeit  der  barmherzigen
Samariterin.  Er  sprengte  auf  die  mutige  Magd  zu  und  rief:  „Weib,
sieht  Sie  denn  nicht,  wie  gefahrvoll  es  hier  ist?  Mache  Sie  sich
fort,  hier  wird  ja  geschofsen!“

Da  richtete  sich  Katharine  empor  —  sie  war  groß  wie  eine
Riesin  —  und  antwortete  ruhig:  „Das  sehe  ich  wohl,  Herr  Leutnant!“
Und  ohne  sich  um  die  Kugeln  zu  kümmern,  setzte  sie  ihr  Werk  fort,
und  manchen  Verwundeten  trug  sie  auf  ihren  starken  Armen  aus
dem  Gefechte  zu  den  Verbandplätzen.  Immer  wieder  kehrte  sie
dann  mit  gefüllter  Bütte  zurück  —  und  wie  wohl  mögen  jene  Becher
Wasser,  die  sie  reichte,  den  Durstigen  getan  haben,  denn  es  war
ein  brennend  heißer  Augusttag!

Die  Offiziere  hatten  dem  König  Wilhelm  berichtet,  was  jene
Magd  getan;  und  als  Anerkennung  für  ihre  unerschrockene,  liebevolle
  und  selbstlose  Tat  verlieh  ihr  der  gütige  Herrscher  das  Ehrenkreuz
  und  die  Kriegsdenkmünze.  Durch  diese  Auszeichnung  wurde
die  Achtung  vor  dem  Heldenmädchen  noch  erhöht.

Als  Katharine  im  achtundsechzigsten  Lebensjahre  von  einer
Krankheit  befallen  wurde,  kämpfte  ihre  kräftige  Natur  lange  mit
dem  Leiden.  In  einem  Sessel  sitzend,  starb  sie  am  6.  August,  sechzehn
  Jahre  nach  jenem  Schlachttage.  „Ich  lege  mich  in  kein  Bett,"
sagte  sie,  „die  Kathrin  will  sitzend  sterben."“

Auf  dem  Friedhofe  im  Ehrental  wurde  sie  bestattet.  Sie  ruht
an  der  ehrwürdigen  Stätte,  wo  sie  damals  im  heißen  Kugelregen  in
barmherziger  Liebe  tätig  gewesen  war,  mitten  zwischen  tapfern
Offizieren  und  Soldaten.  Ihr  Leben  war  Mühe  und  Arbeit.  Was
anders  kann  sie  zu  solcher  Treue  und  solchem  Mute  getrieben  haben
als  opferwillige  Nächsten=  und  Vaterlandsliebe!  Und  wer  heute  das
Schlachtfeld  von  Spichern  besucht,  der  wallfahrtet  auch  zu  den  treuen