Full text : Das Lehrlingswesen und die Berufserziehung des gewerblichen Nachwuchses.

A.  Der  Bedarf  der  Industrie  an  gelernten  Arbeitskräften.  177

der  gewerblichen  Arbeit  zum  Ziel  gesetzt  und  auch  bereits  einen  nicht
unansehnlichen  Teil  der  Industrie  für  seine  Ziele  gewonnen  hat.  In
der  Versammlung  des  Werkbundes,  die  in  München  am  11.  und
12.  Juli  1908  stahfand  (siehe  Bericht,  Vogtländer's  Verlag,  Leipzig),
führte  Muthesius  aus  (S.  48/49),  daß  gerade  Deutschland  auf
die  Steigerung  der  Qualität  seiner  Arbeit  angewiesen  sei,  wenn  es
anders  im  Wettkampfe  der  Völker  bestehen  wolle.  Ein  Land  wie
Deutschland,  das  territorial  eingeengt  sei,  dem  es  verschlossen  sei,
sich  weite  Kolonialgebiete  zu  erobern,  wie  sie  in  früheren  Zeiten
andern  Ländern  zugefallen  seien,  ein  Land,  das  ohne  reiche,  natürliche
Hilfsauellen  sei,  und  das  demgemäß  einen  großen  Teil  seiner  Rohstoffe
  gegen  teures  Geld  aus  dem  Auslande  beziehen  müsse,  sei  seiner
Natur  nach  darauf  angewiesen,  sein  Schwergewicht  auf  die  intelligente
Ausnutzung  des  Vorhandenen  zu  legen.  Nicht  die  große  billige
Massenarbeit,  zu  der  Überfluß  an  Rohmaterial  und  billige  Hände  gehörten,
  sei  sein  Gebiet,  sondern  sein  Streben  könne  nur  auf
Qualitätsarbeit  gerichtet  sein.  In  der  Qualitätsarbeit  allein  liege  für
Deutschland  die  mögliche  Steigerung  des  nationalen  Vermögens.  —
Es  ist  hierbei  zu  beachten,  daß  der  Werkbund  nicht  etwa  die  Qualitätsarbeit
  nur  im  Sinne  der  Handarbeit  auffaßt,  sondern  die  Aufgabe,
die  die  Maschine  in  der  modernen  Produktion  zu  eerfüllen  hat,  durchaus
  mit  in  den  Kreis  seiner  Bestrebungen  zieht.  In  dieser  Beziehung
führte  Theodor  Fischer  in  derselben  Versammlung  aus,  der
Einfluß  der  modernen  Produktionsformen  auf  die  Gestaltung  der
Produkte  sei  unzweifelhaft.  Ob  er  aber  an  sich  notwendig  auf  die
Qualität  im  schlechten  Sinne  einwirken  müsse,  sei  die  Frage.
er  es  zurzeit  in  erschreckendem  Maße  tue,  sei  eine  betrüolhche.  Tatsache.
  Aber  es  bestehe  ebenso  die  sichere  Tatsache,  daß  man  Betriebe
mit  modernster  Produktionsweise  habe,  die  gleichwohl  Qualitätsarbeit
lieferten.  Aus  den  Gewerben,  die  sich  im  Werkbunde  zusammengefaßt
haben,  läßt  sich  nach  Fischer  eine  langgedehnte  Reihe  mit  zwei  sich
entgegengesetzten  Polen  bilden,  von  denen  der  eine  die  individuelle
rbeit  des  der  Kunst  nahestehenden  Kunsthandwerks  darstellt,  der
andere  die  Industrie,  die  im  wesentlichen  Maschinenarbeit  leistet.  Die
Technik  dürfe  aber  nicht  Selbstzweck  sein,  sonst  gehe  es  mit  den  wirklichen
  Werten  abwärts.  Sie  brauche  es  nicht  zu  sein,  da  der  Mensch
sich  nicht  von  der  Maschine  zu  unterjochen  lassen  brauche.  Zwischen
Werkzeug  und  Maschine  gebe  es  keine  feste  Grenze.  Qualitätsarbeit
könne  der  Mensch  mit  dem  Werkzeug  schaffen  oder  mit  der  Maschine,
sobald  er  sie  zum  Werkzeug  bewältigt  habe.  Sobald  die  wirkliche
und  tatsächliche  Herrschaft  über  die  Maschine  gewonnen  sei,  höre  ihr
Einfluß  auf,  schlecht  zu  sein.

Aus  diesen  Gedanken  heraus  ist  sich  denn  auch  der  Werkbund  von
vornherein  bewußt  gewesen,  daß  zur  Förderung  seiner  Bestrebungen
vor  allem  eine  großzügige  Erziehungsarbeit,  besonders  auch  an  dem
gewerblichen  Nachwuchs,  notwendig  sei.  In  der  schon  genannten
Versammlung  wurde  auch  diese  Frage  erörtert.  Hofrat  Bruckmann
  führte  unter  anderm  aus,  eine  der  wichtigsten  Vorbedingungen
  besserer  Zustände  sei  die  bessere  Erziehung  bes  gewerb-Schriften

  d.  Zentralstelle  f.  Volkswohlsahrt.  N.  F.  Fr.  7.