8. Gesindeordnung vom 8. November 1810. 475
§ 158. Wenn das Gesinde aus den §§ 145 und 146 angeführten
Gründen nach vorher gegangener Aufkündigung seinen Abschied nimmt, so
finden die §§ 154 und 155 Anwendung.
8 159. Erfolgt aber der Austritt nur aus der § 147 bestimmten
Ursache, so muß der Dienstbote mit den kleinen Montirungsstücken sich
begnügen.
Rechtliche Folgen einer ohne Grund geschehenen Entlassung.
8 160. Eine Herrschaft, die aus andern als gesetzmäßigen Ursachen
das Gesinde vor Ablauf der Dienstzeit entläßt, muß von der Obrigkeit
dasselbe wieder anzunehmen und den Dienstvertrag fortzusetzen angehalten
werden. 75)
* 161. Weigert sie sich dessen beharrlich 76), so muß sie dem Dienstboten
Lohn und Livre auf die noch rückständige Dienstzeit entrichten.
* 162. Auch für die Kost muß die Herrschaft bis dahin sorgen.
* 163. Kann aber das Gesinde noch vor Ablauf der Dienstzeit ein
anderweites Unterkommen 7)) erhalten, so erstreckt sich die Vergütungs-Verbindlichkeit
der Herrschaft nur bis zu diesem Zeitpunkte; und weiter hinaus
nur insofern, als das Gesinde sich in dem neuen Dienste mit einem geringeren
Lohne hat begnügen müssen.
75) Obrigkeit ist auch hier die
OPol Beh. — Vgl. Anm. 22. — Das
poliz. Einschreiten darf nur stattfinden,
wenn das Gesinde tatsächlich entlassen
worden ist. Zu einer Entscheidung darüber,
ob die Dienstherrschaft berechtigt
ist, das noch im Dienst befindliche Gesinde
zu entlassen, ist die Pol. nicht berufen,
wenn sie auch hier vermittelnd
tätig sein darf OVG. 26. Okt. 89 (XVIII
420). Die Anrufung der Pol. ist im
Falle des 8 100 eine Vorbedingung für
die Zulässigkeit einer Entschädigungsklage
des Dienstboten aus § 161, 162.
Ein poliz. Zwang gegen die Herrschaft
zur Wiederaufnahme des Gesindes ist
durch die Bestimmung des 8 161 ausgeschlossen.
Die Pol. darf daher auch
keine Zwangsmittel zu diesem Zwecke
androhen. Ihre Anordnung der Wiederaufnahme
in den Dienst hat vielmehr
im Falle der Zuwiderhandlung
der Herrschaft nur die Folge, daß das
Gesinde zur Anstellung einer Klage auf
Entschädigung berechtigt wird. Behufs
ihrer Entschließung darüber, ob die beantragte
Anordnung zu erlassen ist,
muß die PolBeh. zunächst prüfen, ob
ein Gesindedienstverhältnis noch zu Recht
besteht und die Herrschaft zur Entlassung
nicht befugt gewesen ist. Lehnt die Pol.
den Erlaß der beantragten Anordnung
ab oder weigert die Herrschaft trotz der
poliz. Anordnung sich, das Gesinde
wieder in den Dienst zu nehmen, so hat
die Pol. dem Gesinde hierüber eine Bescheinigung
kostenfrei zu erteilen, auf
Grund deren das Gesinde dann die
Klage im Zivilprozeßwege anstellen kann.
— Nach Ablauf der Dienstzeit kann
der Antrag bei der PolBeh. überhaupt
nicht mehr, während der Dienstzeit nur
innerhalb einer den Umständen angemessenen
Zeit gestellt werden RGer.
10. Mai 81 (Gruchot: Beiträge XXVI
1047).
76) Es bedarf nur einer einmaligen
poliz. Aufforderung.
77) Das Gesinde braucht nicht jeden
Dienst anzunehmen, sondern nur einen
dem früheren entsprechenden OTr.
15. Juni 58 (Striethorst: Arch. XXX
109). Der Beweis, daß es einen solchen
Dienst habe erhalten können, liegt
der Herrschaft ob OTr. 22. Febr. 59
(Striethorst: Arch. XXXII 305).