Full text : Die Frau als Hausärztin.

Geschlechtsleben.  235

der  Frauen  ins  Auge,  ein  Faktor,  der  inistande  ist,  den  Liebesverkehr  zu
einem  brutalen  zu  gestalten.  Auch  das  Schamgefühl  ist  etwas,  das  nur  ein
seelisch  höherer  Kulturzustand  erzeugt  hat;  Frauen,  die  es  nicht  mehr  besitzen,
stehen  nicht  höher,  sondern  tiefer  als  andere;  sie  haben  etwas  verloren,
was  sie  vom  Tiere  wesentlich  unterscheidet.  Der  heutige  Mann  ist  auf  dem
besten  Wege,  in  und  außerhalb  der  Ehe  die  Begattung  zu  einem  tierischen
Alt  herabzuwürdigen,  zu  seiner  Befriedigung,  zu  seinem  Genusse,  ohne
Rücksicht  auf  die  Frau;  wenn  sie  diesen  Niedergang  zuläßt,  ja  durch  ihr
Wesen  noch  unterstützt,  dann  sinkt  mit  der  Art  der  Liebe  auch  das  Ansehen
  ihrer  Person,  und  sie  erleidet  dadurch  den  größten  Schaden.  In
vielen  Ehen  ist  die  Rücksichtslosigkeit  des  Maunes  zum  größten  Teil  ein
Produkt  der  Schwäche,  der  Scham=  und  Würdelosigkeit  der  Frau.  Nur  bei
ausgesprochener  Liebe  lassen  wir  die  Ehe  überhaupt  gelten,  denn  Ehe  ohne
Liebe  ist  Unzucht,  —  jede  Vereinigung  der  Gatten  sei  aber  ein  kleines  Liebesfest,
  dem  lebhafte  Sehnsucht  vorausgeht  und  beglückende  Zufriedenheit  folgt.
Etwas  Banales,  wie  etwa  eine  gute  Mahlzeit,  die  man  gewöhnt  ist,  darf
die  Vereinigung  niemals  werden,  denn  dies  ist  der  langsame  Tod  der  Liebe.
Aber  wie  selten  findet  man  solche  vornehme,  edle  Ehen!  Entsetzlich  leere,
unkeusche,  gefühls=  und  glücksarme  Verhältnisse  sind  das  gewöhnliche,  das  man
bei  hoch  und  niedrig  sieht  und  —  in  Deutschland  vielleicht  mehr  als  anderswo.

Was  führt  also  in  erster  Linie  zu  dauerndem  Glück  in  der  Ehe?  Die
Mäßigkeit  beider  Gatten,  in  zweiter  Linie  die  Keuschheit  und  Festigkeit
der  Frau.  Auch  ein  charakterschwacher  Mann  wird  durch  diese  drei  Faktoren
im  Zaume  gehalten  und  wird  ein  anständiger  Gatte  und  Vater.

Wir  haben  damit  also  angedeutet,  wie  weit  es  an  der  Frau  liegt,  ihre
Ehe  zu  einer  gesunden  und  schönen  zu  gestalten;  nun  noch  einiges  über  die
genaue  Regelung  ihres  ehelichen  Lebens.

Zwischen  14  und  16  Jahren  tritt  die  Tätigkeit  der  Keimdrüsen  bei  der
Frau  ein,  ähnlich  auch  beim  Manne.  Mit  dem  Beginne  des  monatlichen
blutigen  Abganges  nimmt  die  regelmäßige  Abstoßung  der  reifen  Eizellen  ihren
Anfang;  damit  tritt  auch  die  allmähliche  Umwandlung  des  Kindes  zur  Jungfrau
  ein,  die  Entstehung  vorher  nicht  gekannter  Gefühle  und  das  langsam
wachsende,  scheue  Interesse  für  das  andere  Geschlecht.  Körperlich  vollständig
ausgewachsen,  also  auch  mit  vollendetem  Knochengerüst,  das  am  längsten
wächst,  ist  die  Frau  etwa  mit  vollendetem  20.  bis  21.  Jahre.  Dann  erst  sollte
sie  in  unseren  Zonen  an  die  Ehe  denken.  Bei  nicht  hervorragender  körperlicher
  Entwicklung  sind  Verheiratungen  mit  18  oder  gar  17  Jahren  nicht
angezeigt,  weil  nur  die  Nachkommen  eines  reifen  Menschen  vollkräftig  sein
können.  Auch  ein  Baum  trägt  erst  dann  Früchte,  wenn  er  ein  gewisses  Alter
erreicht  hat!  Dies  halte  man  den  Töchtern  gegenüber  im  Auge.

Der  Mann  wird  etwas  später  reif  als  die  Frau  und  ist  mit  23  bis
24  Jahren  ausgewachsen.  Bis  dahin  sollte  er  keusch  leben,  um  seine  ganze