Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

Ir  mer  re  rn  rap  ernennen

über  Rußland  findet  sich  auch  in  einem  Wiener  Berichte  vom  29.  Juni
1892!).  Der  Gesandte  geht  so  weit  zu  behaupten,  der  Berliner  Vertrag
habe  das  alte  historische  Band  zwischen  Deutschland  und  Rußland
zerrissen.  Sodann  sei  es  Bismarck  gewesen,  der  die  Kotierung  der  russischen
  Fonds  an  der  Berliner  Börse  untersagt  habe.  Bismarck  werde
es  niemanden  glauben  machen,  daß,  wenn  jetzt  ein  Krieg  zwischen  Deutschland
  und  Rußland  ausbreche,  es  wegen  seines  Rücktrittes  geschehe.  Der
Gesandte  fügt  hinzu,  er  könne  aus  sicherster  Quelle  behaupten,  daß  die
russischen  Diplomaten  Herrn  v.  Bismarck  schon  seit  Jahren  mit  MiBtrauen
  betrachtet  und  ihn  offen  des  Doppelspiels  beschuldigt  hätten.
Aber  Bismarck  habe  augenscheinlich  immer  nur  ein  Ziel  gehabt,  die  Größe
Deutschlands,  und  wenn  er  Italien  gegen  Frankreich  und  Rußland  gegen
Österreich  ausspielte,  so  suchte  er  damit  nur  das  Übergewicht  seines
Vaterlandes  zu  befestigen.

Für  die  Heimlichkeit,  mit  der  die  Zweibundmächte  zu  dieser  Zeit
ihr  Bündnis  unter  Dach  und  Fach  zu  bringen  wußten,  ist  die  Tatsache
bezeichnend,  daß  in  keinem  der  belgischen  Berichte  von  den  im  Sommer
1892  stattgehabten  Verhandlungen  zwischen  Rußland  und  Frankreich
eine  zuverlässige  Nachricht  enthalten  ist.  Wohl  bespricht  Greindl  am
13.  August  1892?)  einen  Artikel  des  „Figaro“  vom  14.  Juli,  „Bündnis
oder  Flirt‘,  und  meint,  er  solle  einen  Wink  an  die  Regierung  des  Zaren
bedeuten,  endlich  durch  ein  formelles  Bündnis  die  Hoffnungen  zu  verwirklichen,
  die  bei  den  Franzosen  der  Kronstadter  Besuch  habe  entstehen
lassen.  Dieser  Versuch  habe  aber  in  Rußland  nicht  gefallen.  In  Berlin
glaubte  man,  ohne  dessen  sicher  zu  sein,  daß  der  französische  Außenminister
Ribot  den  Artikel  veranlaßt  habe,  um  damit  einen  politischen  Schritt
in  Petersburg  einzuleiten.  Französischerseits  sollte  man  sich  auch  an
den  noch  nicht  wiederhergestellten  russischen  Außenminister  v.  Giers
gewandt  haben,  um  ihm  den  Abschluß  eines  Bündnisvertrages  nahezulegen
  ;  Giers  sei  aber  nicht  darauf  eingegangen.

Greindl  gab  diese  Nachrichten  mit  Zurückhaltung  wieder  und  bat
in  auffallender  Form,  sie  in  Brüssel  als  streng  vertraulich  anzusehen.
Als  im  November  1892  der  Pariser  „Matin‘‘  zu  melden  wußte,  in  Petersburg
  seien  die  Präliminarien  eines  Bündnisvertrages  zwischen  Frankreich
und  Rußland  unterzeichnet  worden,  gelang  es  dem  russischen  Außenministerium,
  die  belgischen  Gesandten  glauben  zu  machen,  diese  Nachricht
gehe  wohl  nicht  auf  die  Einbildungskraft  eines  französischen  Journalisten,
sondern  auf  gewisse  von  Berlin  gekommene  oder  bezahlte  Angaben  zurück
  ;  offenbar  habe  man  dort  das  Bedürfnis  gespürt,  durch  eine  solche
Alarmnachricht  den  Reichstag  zur  Annahme  der  neuen  Armeeverstärkung
geneigter  zu  machen?).  —  Mit  solchen  vergifteten  Waffen  kämpfte  schon
damals  der  Zweibund.

!)  Bd.  V,S.81.
?)  Bd.  V,  S.  313/314.
®)  Petersburg,  17.  November  1892,  Bd.  V,  S.  124.

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