Full text : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1889. (16)

Frankreich.  375

Deputation  von  drei  Mitgliedern  auseinandersetzen  lassen,  daß  sie  diese  Bestimmung
  nur  deßhalb  verwerfe,  weil  sie  eine  Ausdehnung  des  Belagerungszustandes
  auf  ganz  Frankreich  involviere,  eine  so  ernste  Maßregel  aber  nicht
bloß  beiläufig  in  einer  Preßnovelle  angeordnet  werden  könne.  Die  Novelle
würde  nach  der  Commission  lauten:  „Erster  und  einziger  Artikel.  Jeder  Angriff
durch  eines  der  im  Art.  1  des  Gesetzes  vom  17.  Mai  1819  vorgesehenen
Mittel  (Wort,  Schrift,  Bild  u.  dgl.),  sei  es  gegen  die  Rechte  und  die  Autorität
der  Nationalversammlung  oder  gegen  die  Rechte  und  die  Autorität  der  durch
die  Dekrete  und  Entschließungen  der  Nationalversammlung  errichteten  Regierung,
  wird  mit  den  im  Art.  1  des  Dekrets  vom  11.  August  1848  angedrohten
  Strafen  belegt.  Diese  Bestimmung  darf  dem  Recht  der  freien  Discussion
  über  die  Verfassungsfragen  keinen  Eintrag  thun.“  Wie  man  sieht,  ist
der  Artikel  so  gefaßt,  daß  er  nicht  bloß  für  die  gegenwärtige,  sondern  auch
für  jede  Regierung,  welche  die  Nationalversammlung  künftig  einsetzen  könnte,
seine  Giltigkeit  hat.  Woran  die  Rechte  sich  in  der  Regierungsvorlage  stößt,
das  ist  nicht  die  durch  den  Entwurf  beabsichtigte  Einschränkung  des  Rechts
der  freien  Meinungsäußerung,  sondern  die  Bekräftigung,  welche  derselbe  für
die  herrschende,  d.  i.  die  republikanische  Staatsform  enthält.  „Die  von  der
Nationalversammlung  eingesetzte  Regierung“  (le  gouvernement  institué,  nicht
blos  le  gouvernement  établi,  welches  Wort  nur  einen  faktischen  und  vorlbergehenden
  Zustand  bedeuten  würde),  „Umsturzversuche  gegen  die  bestehende  Regierung“
  —  das  sind  die  Ausdrücke  und  Begriffe,  welche  die  monarchischen
Parteien  nicht  zulassen  zu  dürfen  glauben;  noch  weniger  wollen  sie  den  Dekreten
  und  Resolutionen,  mit  denen  der  gegenwärtige  in  ihren  Augen  provisorische
  und  zu  jeder  Stunde  widerrufliche  Zustand  gegründet  wurde,  durch
namentliche  Anführung  die  Sanction  von  Grundgesetzen  geben.  Die  Regierung
ihrerseits,  welche  immer  sichtlicher  in  das  republikanische  Fahrwasser  einlenkt,
bedient  sich  der  bonapartistischen  Umtriebe  nur  als  eines  Vorwands  um  der
Nationalversammlung  eine  neue  Bekräftigung  des  durch  den  Rivet'schen  Antrag
geschaffenen  constitutionellen  Zustandes  abzuzwingen.  Eine  sehr  bezeichnende
Aeußerung  läßt  Hr.  Thiers  in  der  Commission  fallen:  „Ich  muß  anerkennen,
daß,  wenn  wir  gut  regieren,  unser  Erfolg  der  Staatsform  zu  statten  kommen
muß,  die  uns  als  Depot  anvertraut  worden;  darum  darf  man  aber  nicht  von
uns  verlangen,  daß  wir  schlecht  regieren.“  Wie  man  fieht,  handelt  es  sich
im  Grunde  um  ganz  andere  Dinge,  als  um  eine  Preßnovelle:  Hr.  Thiers
will,  nachdem  er  durch  den  Brief  des  Hrn.  Barthélemy  Saint-Hilaire  das
Terrain  hatte  sondiren  lassen,  einen  Schritt  weiter  in  republikanischer  Richtung
thun,  und  die  Rechte  scheint  entschlossen  sich  dem  mit  ihrem  numerischen  Uebergewicht
  zu  widersetzen.  Die  Fassung  der  Commission  convenirt  der  Regierung
eben  darum  ganz  und  gar  nicht  und  sie  ist  schließlich  mit  der  Commission
einverstanden,  die  ganze  Angelegenheit  wenigstens  bis  nach  den  Osterferien,
vielleicht  ad  calendas  graecas  zu  vertagen.  Die  Regierung  ist,  wenn  sie  von
ihrem  Versuche  der  Vorlage  einen  staatsrechtlichen  Charakter  abstehen  muß,
an  einem  bloßen  Strafgesetz  gegen  die  Presse  nicht  viel  gelegen,  und  sie  läßt
nun  plötzlich  in  ihren  Organen  verbreiten:  daß  die  bonapartistischen  Umtriebe,
welche  ihr  nur  einen  Vorwand  abgaben,  in  der  letzten  Zeit  an  Intensität
bedeutend  verloren  haben.  Uebrigens  beschließt  selbst  die  republikanische  Linke,
welche  der  Regierung  bisher  in  dieser  Frage  treu  geblieben,  in  einer  Parteiversammlung,
  gegen  die  Novelle  Lefranc  zu  stimmen.  Dagegen  läßt  sich
die  Partei  in  der  nämlichen  Berathung  durch  die  Generale  Billot  und  Frébault
  für  den  von  der  Regierung  vorgelegten  Armee-Etat  gewinnen;  die
beiden  Fachmänner  führen  aus,  daß  ein  mit  den  Armeen  der  großen  Militärstaaten
  auf  gleicher  Stufe  stehendes  französisches  Heer  ohne  Opfer  nicht
herzustellen  sei.

13.  März.  Frankreich  kündigt  England  den  Handelsvertrag  von  1860.