Volltext : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

472  Sechstes  Buch.  Erniedrigung  und  Wiedergeburt.

behandelte,  sondern  seine  Bewältigung  Franzosen  und  Dänen
überließ,  bewies  in  Napoleons  Augen  sein  Einverständnis  mit
dem  unbedachten  Helden.  Die  Bluturteile,  denen  die  Beteiligten
verfielen,  steigerten  die  allgemeine  Erbitterung.  Dazu  kam  die
große  Botschaft  von  Aspern  und  Eßlingen,  dem  zweiten  siegreichen
  Aufstand  der  Tiroler  und  das  Erscheinen  Friedrich  Wilhelms
  von  Braunschweig-Oels  mit  seiner  schwarzen  Schar  in
Sachsen.  Der  Moment  der  allgemeinen  Erhebung  schien  gekommen.


Dringend  aber  ließ  der  Zar  in  Königsberg  vor  jeder  Uebereilung
  warnen.  Nicht  einmal  die  Zusage  gab  er,  Preußen,
wenn  es  sich  Oesterreich  anschlösse,  wenigstens  nicht  mit  Krieg
zu  überziehen.  Dann  rückte  Erzherzog  Ferdinand,  der  Warschau
  besetzt  hatte,  bis  nach  Thorn  vor,  in  der  Hoffnung,
Preußen  werde  ihm  die  Hand  reichen.  Man  kannte  in  Wien
die  Stimmung  des  Volkes  und  der  Armee  und  hielt  es  für
möglich,  daß  Blücher  und  andere  Befehlshaber  auf  eigene  Gefahr
  handelten.  Planten  doch  in  Schlesien  etliche  höhere  Offiziere
  die  Ueberrumpelung  der  Franzosen  in  Glogau.  Da  nötigte
das  Erscheinen  eines  russischen  Heeres  im  Warschauschen  den
Erzherzog  zum  Rückzug  nach  Galizien.  Jedenfalls  hatte  Napoleon
  Grund,  Preußen  zu  mißtrauen.  Nur  irrte  er,  wenn
er  die  Regierung  an  solchen  Plänen  beteiligt  wähnte.  Ihr
bereiteten  diese  die  schwerste  Verlegenheit.  Die  Haltung  Rußlands
  und  der  Mangel  jeder  Bürgschaft  für  Oesterreichs  Ausharren
  widerrieten  den  Schritt,  den  der  Volkswille  verlangte.
Daß  er  verweigert  wurde,  machte  diesen  immer  stürmischer  aufwogen.
  Jeden  Tag  konnte  sein  Ausbruch  den  Konflikt  mit
Frankreich  herbeiführen.  Der  König  befand  sich  in  peinlichster
Lage.  Während  er  von  Napoleon  bei  erster  Gelegenheit  vollends
um  Land  und  Leute  gebracht  zu  werden  fürchten  mußte,  lief
er  vielleicht  die  gleiche  Gefahr,  wenn  er  sich  dem  Freiheitsdrange
seines  Volkes  dauernd  widersetzte.  Nie  war  er  so  hoffnungslos
  gewesen.  Er  dachte  daran,  der  Krone  zu  entsagen.  Und
ähnlich  gebrochen  war  die  Königin:  nur  um  ihrer  Kinder  willen
würde  sie  den  Verlust  der  Krone  bedauert  haben;  sonst  war  sie
sich  längst  bewußt,  durch  die  fürchterliche  Politik  von  Freund