Full text : Die sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft im Reichstag.

20

Noch  immer  werden  die  Mitglieder  der  Sozialdemokratischen  Arbeitsgemeinschaft
  des  Disziplinbruchs  beschuldigt.  Diese  Anschuldigung,  die
die  Parteigenossen  im  Lande  gegen  die  Arbeitsgemeinschaft  einnehmen.
soll,  ist  unberechligl,  wie  die  Parteigenossen  immer  klarer  erkannt  haben.
Der  Vorwurf  des  Disziplinbruches  kann  vielmehr  nur  diejenigen  treffen,
die  unter  Nichtachtung  der  Parteitagsbeschlüsse  und  der  allen  Tabtik  die
Parkei  vor  vollendete  Tatsachen  stellten  und  dann  mil  allen  Milteln  eine
Stimmungsmache  gegen  die  sogenannte  Minderheil  betrieben,  wohl  wissend.
daß  diese  Minderheit  durch  die  Zensur  in  der  Abwehr  überaus  gehindert
ist.  Die  sachlichen  und  grundfätzlichen  Differenzen  sollien  als  das  böswillig
  erkünstelte  Werk  von  Krakeelern  und  Parteispallern  erscheinen.
Und  doch  wußte  und  weiß  jedes  polilische  Kind,  daß  in  der  wichtigsten
Frage  der  Zeit,  in  der  Beurkeilung  des  Krieges  und  der  Stellung,  die
die  Sozialdemokratie  im  und  zum  Kriege  einzunehmen  hat,  von  Anfang
an  schwerwiegende  Mei  heilen  hervortraten,  die  nach  einem
sachlichen  Auskrag  in  der  Oeffenklichbeit  mit  Motwendigkeit  drängten.

Es  ist  der  Sozialdemohratie  nicht  würdig,  wo  innere  kiefe  sachliche
Konflihle  beslehen,  sich  um  diese  Konflihte  herumzudrüchen.  Sie  müssen
ausgesochten  werden.  Und  wenn  während  des  Belagerungszustandes
Männer  am  Werkte  sind,  die  Partei,  die  alte,  stolze,  in  ihrer  Oppositionskraft
  stark  gewordene  Sozialdemohralie,  in  die  Gedankengänge  der  bürgerlichen
  Politiker  hinüberzuschieben,  so  wäre  es  Verrat,  wenn  diejenigen,
die  diese  Gefahr  erkannt  haben,  schweigen  würden.

Wer  der  Kahe  die  Schelle  umhängk,  wer  die  Parlei  warnen,  sie
in  ihrem  alkbewährken  Charakter  erhallen  will  —  der  ist  hein  Krabeeler,
kein  Parleispaller!  —  O  nein,  die  Parteispaller  sihen  nicht  in  der
Sozialdemokralischen  Arbeilsgemeinschaft-!  Die  Opposition,  die  aus
dem  harten  Boden  der  geschichtllichen  Ereignisse  herausgewachsen  ist  und
ihre  Gewissenspflicht  erfüllt,  kann  durch  brulale  Vergewaltigung  nicht  unkerdrücht
  werden!  Die  Opposilion  und  ihre  parlamentlarische  Verlrelung
stehen  nichk  als  Angeklagke,  sie  stehen  als  Ankläger  vor  dem  Forum
der  Parlei!  Sei  es,  durch  rechtzeilige  Erkenntnis,  oder  später  durch
biktere  Erfahrung  belehrt,  die  Parkei  wird  —  wir  zweifeln  nicht  —  sich
durch  energisches  Handeln  vor  der  ihr  drohenden  Gefahr  befreien,  aus
einer  sozialdemokratischen  eine  nationalsoziale  Partei  zu  werden.

Es  gilt,  die  Parkeigenossen  zu  einer  geschlossenen  Phalang  zu  vereinen,
  nicht  durch  Wehklagen,  Nachgiebigkeit  und  Rechnungskrägerei  —
sondern  durch  Rückkehr  zu  aller  programm=  und  grundsaßtkreuer  sozialdemohralischer
  Polilik!