Schule und theologische Forschung. 99
wichtige Miene des Kritikers freilich darf der Lehrer niemals aufsetzen; je mehr
er solche Dinge als selbstverständlich behandelt, um so leichter gehen sie den
Kindern ein, und ein recht gesunder Wirklichkeitssinn kommt ihm dabei
meistens von seiten der Schüler entgegen.
Aber auch bei der Behandlung des Neuen Testaments ist es sehr wohl
möglich, die religiös-erzieherische Aufgabe zu erfüllen, ohne die Wahrheit zu
verleugnen. Es ist kein Zweifel, daß Kinder für das Leben und Wirken Jesu
viel größeres Interesse und Verständnis zeigen als für sein Sterben und Auferstehen.
Warum also nicht kurz mit der Kreuzigung abschließen, Auferstehung
und Himmelfahrt aber unerörtert lassen, bis man offen und mit Aussicht auf
Verständnis mit den Schülern darüber reden kann? Und daß von dem Leben
und Wirken Jesu uns vieles lückenhaft, manches mythisch überliefert ist,
können Schüler der Mittelstufe sehr wohl erfahren, ohne daß es den Eindruck
von der Persönlichkeit Jesu gefährdet. Das männlichere Jesusbild, wie es
uns neuere Forschung und Darstellung vor Augen führte, hat auch schon für
Knaben etwas besonders Anziehendes.!) Auf eine kritische Erörterung der
einzelnen Wunder soll man sich hier nicht einlassen. Man sage einstweilen
den Schülern ganz allgemein, daß den Wundern gegenüber ein zwiefacher
Standpunkt möglich sei: entweder mit Verzicht auf verstandesmäßiges Erkennen
sie gläubig festzuhalten, wie sie überliefert wurden, oder aber nach Analogie
von Parallelerscheinungen der Zeitgeschichte anzunehmen, daB auf Grund von
tatsächlichen außerordentlichen Wirkungen, die von der einzigartigen Person
Jesu ausgingen, sich ein Kranz von Legenden um seine geschichtliche Erscheinung
gewunden habe; die Entscheidung für die eine oder andere Ännahme
müsse jeder mündige Christ für sich selbst treffen. Mit dem Begriff des
subjektiven Wunders allein kommt man nicht weit; die Halbheit rationalistischer
Erklärungsmethode ist mit Entschiedenheit zurückzuweisen, dagegen den Schülern
möglichst. klarzumachen, daß auch, wenn man die Geschichtlichkeit der Wundererzählungen
in Abrede stellen müsse, mala fides auf seiten der Berichterstatter ausgeschlossen
sei. Dazu bedarf es nicht einmal notwendig des Hinweises auf frühere
oder spätere Legendenbildung: Mißverständnisse der Jünger sind im Neuen Testament
selbst so zahlreich verbürgt, daß auch eine irrtümliche Auffassung und
Überlieferung bei den neutestamentlichen Autoren für die Schüler so lange
nichts Befremdliches haben kann, als man sie mit der Inspirationslehre verschonte.
Vor allem aber ist positiv zu zeigen, wie wenig die Bedeutung Jesu
an solehen Zeichen hängt, und was er selbst von der Wundersucht gehalten hat.
Mit dem Gesagten ist bereits unsere Position zwei tiefgreifenden Neuerungsvorschlägen
gegenüber bestimmt. Franz Heuck hat kürzlich gefordert,?) den
Religionsunterricht auf die oberen Klassen von Untersekunda an zu beschränken;
erst auf dieser Stufe seien die Schüler für eine historische Behandlung religiöser
Stoffe reif. Als ob man den Kleinen den Inhalt z. B. des Nibelungenı)
Dies gegenüber Steudels Entgleisung auf dem 2. Deutschen Erziehertag, vgl.
Christl. Welt 1905, Nr. 28.
”) Zum Religionsunterricht an höheren Schulen, Berlin 1904.
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