Volltext : Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. Zweiter Band. (2)

Der  Pansiawismue  hat  den  Weltkrieg  entfacht.  Wer  darum  die  inneren
Zusammenhänge  des  Krieges  wirklich  verstehen  will,  der  muß  sich  mit  dem
Wesen  und  den  Zlelen  dieser  großen  nationalistischen  Bewegung  im  Uberblick
befassen.  Es  wird  une  aiso  nichts  übrigbieiben,  als  einen  scheinbar  weiten  Umweg
  zu  betreten.  Denn  um  Wesen  und  Ziele  des  Panslawismus  zu  erkennen,
ist  es  unerläßlich,  eingehend  jene  große  Frage  zu  prufen,  die  bei  Beginn  des
Weltkrieges  schon  über  ein  Zabrhundert  lang  drohend  am  Himmel  Europas
gestanden  hatte,  elne  langsam,  aber  unaufhaltsam  sich  zusammenballende  Wetterwoike,
  ble  sie  nach  zahliosen  schweren  Tellentladungen  schlleßlich  das  gigantlsche
Gewltter  der  Weltkatastrophe  entfesselt  hat:  die  orientallsche  Frage.

6.

Als  ledendiges  Uberbleibsel  mittelalterlicher  Völkerverschiebungen,  man
könnte  vielleicht  gar  sagen  als  letzter  Überrest  der  Völkerwanderung,  destand
  auf  europälschem  Boden  noch  das  Reich  einer  einzigen  Macht,  weiche
nicht  einem  der  chrlstiilchen  Bekenntulsse  angehörte:  die  Türkei.  Wie  wäre  es
möglich,  den  Weltkrieg,  der  deutsche  Soidaten  bis  an  die  fernsten  Grenzen  des
o#smanischen  Reiches  geführt  hat,  zu  verstehen,  ohne  die  weitgeschichtliche  Rolle
der  europäischen  Türkel  sich  wenigstene  in  ihren  Hauptzügen  vor  Augen  geführt
zu  baben?  Der  Weitkrleg  bedeutet  ja  zugleich  das  Ende  der  osmanischen  Macht
auf  dem  Boden  unseree  Erdteils.

Dae  osmanische  Reich  war  begründet  worden  im  15.  Jahrhundert  durch  den
aue  Nordpersien  ausgewanderten  Stamm  der  Türken,  ein  kräftiges,  kriegerlschee
  Dolk.  Es  hatte  sich  im  Laufe  des  15.  bis  16.  Jahrhunderte  immer  weiter
auegedehnt.  1453  hatte  es  Konstantinopel  erobert  und  das  Byzantinische
Kaiserreich  gestürzt.  Es  umfaßte  schließlich  alle  Länder,  weiche  dae  östliche
Mltteimeer  und  das  Schwarze  Meer  umschlossen;  reichte  im  Osten  bis  zum
Kaspischen  Meer,  im  Norden  bie  an  die  Südgrenze  von  Polen  und  Rußland,
im  Westen  bis  nahe  vor  die  Tore  Mlens.

Aber  selt  im  Zahre  1566  Sultan  Suleiman  II.,  der  Eroße  genannt,  wäbrend
  der  Belagerung  der  ungarischen  Feste  Sigeth  gestorben  war,  begann  der
Rückgang  des  Reiches.  Schon  1686  hatte  Ungarn  die  türkische  Herrschaft  abgeschüttelt.
  Biel  später,  um  Laufe  des  19.  ZJahrhunderts,  begannen  die  christlichen
  Vditer  der  Balkanhalbinsel,  die  Raja--  oder  Herdenvdiler,  wie  die  Türken  sie
nannten,  sich  vom  türkischen  Joch  zu  befreien.  Und  schon  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderte
  trat  auch  das  Bestreben  Rußlande  hervor,  sich  zum  Schutzberrn  der
Valkanvölker  in  diesem  Befreiungskampf  aufzuwerfen.  Es  unterstützte  1804
bie  1812  den  Aufstand  des  Serbenvolkee,  das  sich  in  der  Zeit  der  napoleonlschen
Kclege  eine  beschränkte  Autonomie  erstritt.  Es  nahm  sich  weiterhin  der  Moldau
und  Walachei  an  und  förderte  1828  und  1829  den  Freiheltskrieg  der  Griechen,
der  zur  Errichtung  des  selbständigen  Grlechenland  führte.  1833  zwang  es  die
Türken,  die  Verpflichtung  zu  übernehmen,  kelnem  fremden  Kriegeschiff  die
Durchfahrt  durch  die  Dardancilen  zu  gestatten.  Es  strebte  nach  einem  Protektorat
  über  die  gesamte  Chrlstenbeit  der  Türkel,  und  weil  der  Sultan  dieses  Zugeständnie
  weigerte,  entstand  der  Orientkeieg  von  1853  bie  1856.  Aber  Frank-16