Der Pansiawismue hat den Weltkrieg entfacht. Wer darum die inneren
Zusammenhänge des Krieges wirklich verstehen will, der muß sich mit dem
Wesen und den Zlelen dieser großen nationalistischen Bewegung im Uberblick
befassen. Es wird une aiso nichts übrigbieiben, als einen scheinbar weiten Umweg
zu betreten. Denn um Wesen und Ziele des Panslawismus zu erkennen,
ist es unerläßlich, eingehend jene große Frage zu prufen, die bei Beginn des
Weltkrieges schon über ein Zabrhundert lang drohend am Himmel Europas
gestanden hatte, elne langsam, aber unaufhaltsam sich zusammenballende Wetterwoike,
ble sie nach zahliosen schweren Tellentladungen schlleßlich das gigantlsche
Gewltter der Weltkatastrophe entfesselt hat: die orientallsche Frage.
6.
Als ledendiges Uberbleibsel mittelalterlicher Völkerverschiebungen, man
könnte vielleicht gar sagen als letzter Überrest der Völkerwanderung, destand
auf europälschem Boden noch das Reich einer einzigen Macht, weiche
nicht einem der chrlstiilchen Bekenntulsse angehörte: die Türkei. Wie wäre es
möglich, den Weltkrieg, der deutsche Soidaten bis an die fernsten Grenzen des
o#smanischen Reiches geführt hat, zu verstehen, ohne die weitgeschichtliche Rolle
der europäischen Türkel sich wenigstene in ihren Hauptzügen vor Augen geführt
zu baben? Der Weitkrleg bedeutet ja zugleich das Ende der osmanischen Macht
auf dem Boden unseree Erdteils.
Dae osmanische Reich war begründet worden im 15. Jahrhundert durch den
aue Nordpersien ausgewanderten Stamm der Türken, ein kräftiges, kriegerlschee
Dolk. Es hatte sich im Laufe des 15. bis 16. Jahrhunderte immer weiter
auegedehnt. 1453 hatte es Konstantinopel erobert und das Byzantinische
Kaiserreich gestürzt. Es umfaßte schließlich alle Länder, weiche dae östliche
Mltteimeer und das Schwarze Meer umschlossen; reichte im Osten bis zum
Kaspischen Meer, im Norden bie an die Südgrenze von Polen und Rußland,
im Westen bis nahe vor die Tore Mlens.
Aber selt im Zahre 1566 Sultan Suleiman II., der Eroße genannt, wäbrend
der Belagerung der ungarischen Feste Sigeth gestorben war, begann der
Rückgang des Reiches. Schon 1686 hatte Ungarn die türkische Herrschaft abgeschüttelt.
Biel später, um Laufe des 19. ZJahrhunderts, begannen die christlichen
Vditer der Balkanhalbinsel, die Raja-- oder Herdenvdiler, wie die Türken sie
nannten, sich vom türkischen Joch zu befreien. Und schon zu Beginn des 19. Jahrhunderte
trat auch das Bestreben Rußlande hervor, sich zum Schutzberrn der
Valkanvölker in diesem Befreiungskampf aufzuwerfen. Es unterstützte 1804
bie 1812 den Aufstand des Serbenvolkee, das sich in der Zeit der napoleonlschen
Kclege eine beschränkte Autonomie erstritt. Es nahm sich weiterhin der Moldau
und Walachei an und förderte 1828 und 1829 den Freiheltskrieg der Griechen,
der zur Errichtung des selbständigen Grlechenland führte. 1833 zwang es die
Türken, die Verpflichtung zu übernehmen, kelnem fremden Kriegeschiff die
Durchfahrt durch die Dardancilen zu gestatten. Es strebte nach einem Protektorat
über die gesamte Chrlstenbeit der Türkel, und weil der Sultan dieses Zugeständnie
weigerte, entstand der Orientkeieg von 1853 bie 1856. Aber Frank-16