Full text : Ludendorff, meine Kriegserinnerungen 1914-1918

Als  Regiments-  und  Brigadekommandeur  21

 

 

personelle  Kräfte,  sondern  vornehmlich  Verstärkung  unserer  Festungen  und
auch  Material  verlangt.  Alles  wurde  bewilligt;  mein  dringend  ge—
äußerter  Wunsch  aber,  daß  drei  neue  Armeekorps  aufgestellt  würden,
wurde  nicht  erfüllt.  Sie  wurden  gar  nicht  angefordert.  Dies  hat  sich
schwer  gerächt.  Die  Korps  fehlten  zu  Beginn  des  Krieges,  und  die
Neuformationen,  die  wir  im  Herbst  1914  aufstellen  mußten,  zeigten  alle
Nachteile  einer  Improvisation.  Später  waren  die  Neubildungen  von  vornherein
  kräftiger,  dafür  schwächten  sie  aber  auch  die  bereits  bestehenden
Truppen,  die  starke  Abgaben  leisten  mußten.

Noch  bevor  die  ganze  Vorlage  abgeschlossen  war,  wurde  ich  nach
Düsseldorf  als  Kommandeur  des  Füsilier-Regiments  39  versetzt.  Mein
Drängen  nach  jenen  drei  Armeekorps  hat  dabei  eine  Rolle  gespielt.

II.

Der  Frontdienst  ist  eine  lebendige  Arbeit.  Der  rege  Umgang  und
das  stete  unmittelbare  Zusammenwirken  mit  Menschen  und  für  Menschen,
die  meiner  Obhut  anvertraut  waren,  die  Ausbildung  von  Offizier,  Unteroffizier
  und  Soldat,  die  militärische  Erziehung  des  Jünglings  zum  Mann,
zogen  mich  jetzt  nach  langer  Geschäftszimmer-Arbeit  besonders  an.  Dreizehn
  Jahre  war  ich  aus  dem  Frontdienst  heraus  gewesen.  Jetzt  waren  Rekrutenbesichtigungen
  mein  erster  Dienst  beim  Regiment.  Siebenmal  habe
ich  in  den  achtziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  als  junger  Offizier
Rekruten  gehabt,  und  zwar  beim  Infanterie-Regiment  Nr.  57  in  dem  alten
Wesel  und  bei  der  Marine-Infanterie  in  Wilhelmshaven  und  Kiel.  Später
tat  ich  einige  Wochen  Dienst  im  Leib-Grenadier-Regiment  Nr.  8  in
Frankfurt  a.  O.  und  war  1898  bis  1900  Kompagnie-Chef  im  Infanterie-Regiment
  Nr.  61  in  Thorn,  für  mich  eine  unvergeßliche  Zeit.  In  Düsseldorf
  freute  ich  mich  nun  über  das,  was  aus  jenen  Zeiten  haften  geblieben
  war.

Der  hohen  Verantwortung,  die  auf  mir  als  Regimentskommandeur
lag,  war  ich  mir  um  so  mehr  bewußt,  als  ich  den  kommenden  Krieg  mit
großen  Schritten  herannahen  sah.  Ich  wies  mein  Offizierkorps  in  verschiedenen
  Ansprachen  auf  den  ungeheuren  Ernst  der  Zeit  hin.  Ich  sah
in  der  Armee  die  Grundlage  der  Sicherheit  und  Zukunft  Deutschlands,
aber  auch  den  Hort  der  Ruhe  nach  innen.  Daß  die  Armee  nach  dieser
Richtung  hin  eingesetzt  werden  müsse,  dafür  war  —  Gott  sei  Dank  —
1913  auch  nicht  das  geringste  Anzeichen  vorhanden.

Die  Manneszucht,  der  Offizier  wie  Mann  unterworfen  waren,  bildete
für  mich  den  Grundstein,  auf  dem  allein  sich  eine  kriegsmäßige  Ausbildung
des  Heeres  aufbauen  konnte.  Sie  war  auch  nur  in  längerer  Dienstzeit  zu