Full text : Deutsche Geschichte. Erster Band. (1)

Gottesfriede  und  Kreuzzugsbewegung.  195

Heinrich  Streben  nad)  einem  dauernden  Friedensjtande  oder
doch  mindeftens  nach  einem  Ende  des  jchredlichen  Bürgerfrieges
fam  e3  ferner  wenigitens  einigermaßen  zugute,  daß,  jeit  1094  etwa,
ein  Gedanke,  der  Ichon  den  unruhigen  Geift  Silvefters  IT  und  den
fühn  ausgreifenden  Gregors  VII  beichäftigt  hatte,  der  Gedanke,  die
heiligen  Stätten  im  Morgenlande,  da®  Grab  des  Heilands,  durch
die  gefammelte  Kraft  der  Chriftenheit  den  Ungläubigen  zu  entveißen,
  plößlich  Geftalt  und  Leben  gewann  und  an  dem  Bapft
Urban  einen  beredten  und  eifrigen  Förderer  gefunden  hatte.  Auf
großen  VBerfammlungen  zu  Piacenza  im  März,  zu  Clermont  im
Kovember  1095  wurde  unter  ungeheurem  Subel  der  Zug  beichlofien,
  der  zunächft  dem  griechischen  Kaifer  Luft  Schaffen  follte
gegen  die  in  Baläftina,  Syrien,  Kleinafien  fich  ausbreitende  Macht
der  jeldichuffiichen  Türken.  Vornehmlich  in  den  romanischen  Län
dern,  in  Frankreich  und  in  den  Gebieten  der  Normannen  nahm
Begeifterung  und  Tatendrang  diefe  Richtung,  aber  auch  in  Deutichland,
  das  an  der  entfachten  Bewegung  noch  feinen  Antetl  hatte,
erregte  der  Gedanke  die  Gemüter.  Mean  erlebte,  daß  jchon  im
Srühling  1096,  während  die  Vorbereitungen  zu  dem  großen
Zuge  unter  den  Häuptern  der  Hohen  AXriftofratie  in  Frankreich
und  Stalien  erjt  im  Gange  waren,  ein  ungezählter  Schwarm  von
bewaffneten  Pilgern,  Mönchen,  Bauern,  allerlei  Volk  unter  Führung
  von  zwei  ritterlichen  Abenteuern  und  einen  eifrigen  Bolf3-prediger,
  der  jelbjt  im  heiligen  Lande  gewejen  war,  dem  Eremiten
Peter  von  Amiens,  in  den  Nheingegenden  erichten  und  in  blindem
Drange  nach  Dften  weiterzog;  man  erlebte  auch,  daß  da  umd
dort  in  den  vheiniichen  Städten  der  aufgeftörte  religidje  Wahn
und  Fanatismus  fich  in  Greueln  gegen  die  Juden  gütlich  tat.
Waren  fie  e8  nicht,  die  vor  taufend  Sahren  den  Heiland  der
Welt  ans  Kreuz  geichlagen  Hatten?  Daß  nicht  fie,  jondern  einige
ihrer  Vorfahren  vor.  vielen  Hundert  Jahren  dies  in  Unwifjenheit
getan  und  Selus  jelbft  für  fie  zu  feinem  göttlichen  Vater  gebetet
hatte,  danach)  fragte  der  Fanatismus  nicht  und  er  wird  niemals

Danach  fragen.
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