Full text : Das Deutsche Reich in gesundheitlicher und demographischer Beziehung.

184  IV.  4.  Wein  und  andere  geistige  Getränke,

vertrag  zwischen  dem  Deutschen  Reiche  und  Österreich-Ungarn
  vom  6.  Dezember  1891  durch  den  Zusatzvertrag  vom  25.  Januar
  19051).  aufgenommen  worden.  Danach  sind  die  in  Ungarn  in  der
Gemeinde  Tokaj  und  in  den  übrigen  Gemeinden  des  Tokajer  Weingebiets
  erzeugten  Naturweine  (Tokajer  Ausbruchweine,  Szamorodner)  nicht
als  Dessertweine  im  Sinne  des  Weingesetzes  vom  24.  Mai  1901  anzusehen.
Es  ist  deshalb  auf  sie  die  Bestimmung  nicht  anwendbar,  dass  ihnen  bei  der  anerkannten
  Kellerbehandlung  mehr  als  ein  Raumprozent  Alkohol  zugesetzt  werden
darf,  Ebenso  ist  es  im  Geltungsbereiche  des  deutschen  Weingesetzes  verboten,
Getränke,  die  unter  der  Bezeichnung  Tokajer,  ‚.Medizinaltokajer,  Tokajerausbruch,
  Szamorodner  oder  unter  einer  auf  Örtlichkeiten  des  Tokajer
  Weingebiets  hinweisenden  sonstigen  Bezeichnung  in  den  Verkehr  kommen,
unter  Verwendung  von  getrockneten  Früchten  (auch  in  Auszügen  oder  Abkochungen)
  oder  von  eingedickten  Moststoffen  herzustellen,  zu  verkaufen  oder  feilzuhalten,
Von  Wichtigkeit  für  den  Verkehr  mit  Wein,  ebenso  wie  allgemein  für
den  Verkehr  mit  Lebensmitteln,  ist  der  Schutz  der  Bezeichnung  ihrer
Herkunft.  Dem  berechtigten  Verlangen  des  Käufers,  dass  die  Bezeichnung  der
Herkunft  einer  Ware  auch  den  tatsächlichen  Verhältnissen  entspricht,  dass  beispielsweise
  ein  als  „Forster  Kirchenstück“  bezeichneter  Wein  wirklich  in  der  so  benannten
  Weinbergslage  gewachsen  ist,  wird  —  ausser  durch  die  Bestimmungen
des  Strafgesetzbuchs  (Betrugsparagraph)  und  des  Reichsgesetzes  zur
Bekämpfung  des  unlauteren  Wettbewerbs  vom  27.  Mai  1896°)  —  vor
allem  Rechnung  getragen  durch  die  allgemeinen  Bestimmungen  des  Reichsgesetzes
  zum  Schutze  der  Warenbezeichnungen  vom  ı2.  Mai  1894°).
Nach  $  16  dieses  Gesetzes  wird  bestraft,  wer  Waren  oder  deren  Verpackung  oder
Umhüllung  oder  Ankündigungen,  Preislisten,  Geschäftsbriefe,  Empfehlungen,  Rechnungen
  oder  dergleichen  fälschlich  mit  einem  Staatswappen  oder  mit  dem  Namen
oder  Wappen  eines  Ortes,  eines  Gemeinde-  oder  weiteren  Kommunalverbandes
  zu  dem  Zweck:  versieht,  über  Beschaffenheit  und  Wert  der  Waren
einen  Irrtum  zu.  erregen,  oder  wer  zu  dem  gleichen  Zweck  derartig  bezeichnete
  Waren  in  Verkehr  bringt  oder  feilhält.  Die  Verwendung  von
Namen  indessen,  welche  nach  Handelsgebrauch  zur  Benennung  gewisser  Waren
dienen,  ohne  deren  Herkunft  bezeichnen  zu  sollen,  fällt  unter  diese  Bestimmung
nicht.  Eine  solche  Ausnahmestellung  trifft  auf  einzelne  bestimmte  Weinbezeichnungen
  —  vornehmlich  für  Weine  geringerer  Beschaffenheit  aus  wenig  bekannten
Orten  —  zu,  die  im  Laufe  vieler  Jahre  im  Handel  mit  Wein  den  Charakter  als
wirkliche  Herkunftsbezeichnungen  verloren  und  sich  als  Gattungsnamen  herausgebildet
  haben,  nicht  jedoch  auf  Bezeichnungen,  wie  Berncasteler  Doctor
Rüdesheimer  Hinterhaus,  Rauentaler  Berg  u.  s.  f,  welche  unzweifelhafte  Herkunftsbezeichnungen
  sind.  Nach  $  ı16  des  vorgenannten  Gesetzes  macht  sich
somit  derjenige  strafbar,  welcher  Weine  unter  derartigen  Bezeichnungen  in  den
Verkehr  bringt,  ohne  dass  die  Weine  diesen  Angaben  entsprechen.  Das  Reichsgericht
  hat  in  einem  beachtenswerten  Falle“)  in  diesem  Sinne  entschieden.

.  .  Bier.  Der  Verkehr  mit  Bier  unterliegt  im  Deutschen  Reiche  in  erster
Linie  den  allgemeinen  Bestimmungen  des  Nahrungsmittelgesetzes  vom  Jahre  1879
Daneben  sind  jedoch  Steuergesctze  ergangen,  welche  die  Besteuerung  des  Biers
in  allen  Bundesstaaten  regeln  und  die  Verwendung  bestimmter  Stoffe  von  der
Bierbereitung  ausschliessen.  Es  kommen  hier  vornchmlich  die  in  Bayern,  Württemberg
  .und  Baden  geltenden  Sonderbestimmungen  in  Betracht  und  für  das  übrige
Gebiet  des  Deutschen  Reichs,  ausschliesslich  Elsass-Lothringen?),  d.  i.  für  das  Gebiet

.  2)  RGBI  1906  S.  148,  ®)  RGBI  8.  145,  3)  RGBI  8,  441.  4)  Urteil  vom  13.  Jan  IBzüge
  aus  gerichtl.  Entsch.,  betr.  den  Verkehr  mit  Nahrungsmitteln  etc.  (Beilage  zu  en  Verst  KGA)  Baur
5.  204*.  5)  Nach  $  4  des  Gesetzes,  betr.  die  Einführung  der  Verfassung  des  Deutschen  Reichs  in  Elsass-Lothfingen,
  vom  25.  Juni  1873  (RGBI  S.  161)  ist  die  in  Artikel  35  der  Reichsverfassung  erwähnte  Besteuerung  des
inländischen  Biers  in  Elsas;-Lothringen  bis  auf  weiteres  der  inneren  Gesetzgebung  vorbehalten  worden.