Volltext : Regierungs-Blatt für das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Jahrgang 1915 (2)

des  Impfstoffes  überzeugt  hatte,  impfte  er  damit  ein  Kind.  Bei  demselben  entstanden  an
6  Schnitten  4  kleine  röthliche,  hirsekorngroße  Knötchen,  so  daß  die  Impfung  nicht  als  erfolgreich
  gelten  konnte.  Der  Vorstand  impfte  daher  das  Kind  bei  der  Nachschau  nach,
7  Tagen  an  demselben  Arm  mit  als  wirksam  erprobter  Lymphe  nach.  Nach  weiteren
8  Tagen  waren  alle  Schnitte  von  der  letzten  Impfung  ganz  glatt  verheilt.  Die  4  Knötchen
aber  hatten  sich  zu  gut  stecknadelkopfgroßen  Bläschen  entwickelt,  die  roth  und  rund,  nicht
grau  und  gedellt  waren.  Nach  weiteren  6  Tagen,  also  21  Tage  nach  der  ersten,  14  Tage
nach  der  letzten  Impfung  meldete  die  Mutter  des  Kindes,  daß  noch  eine  Blatter  gekommen
sei.  Der  Vorstand  fand  thatsächlich  eine  gut  entwickelte  Blatter,  in  Größe  und  Aussehen
etwa  dem  8.  Entwickelungstage  entsprechend;  die  Pustelchen  von  der  ersten  Impfung  her
waren  fast  noch  wie  vorher.  Auch  hier  hatte  die  erste  unvollkommene  Impfung  die  Empfänglichkeit
  gegen  die  Vaccination  herabgesetzt.  Bei  allen  andern  mit  der  zweiten  Lymphe
geimpften  Kindern  war  die  Pockenentwickelung  normal.  Nach  nochmaligem  Durchgange
durch  das  Kalb  gab  der  Impfstoff  einen  guten,  völlig  regelrechten  Erfolg.  Ein  Kalb  war
im  Januar  mit  einer  kleinen  Menge  Pockenstoff  von  einer  in  Ruhrort  auf  einem  Schiffe
an  Pocken  erkrankten  Frau  geimpft  worden,  jedoch  ohne  jeden  Erfolg.

In  München  wurde  dem  Dr.  Nakanichi  aus  Tokio  auf  dessen  Wunsch  Gelegenheit
geboten,  die  verschiedenen  Lymphesorten  einer  sorgfältigen  bakteriologischen  Untersuchung  zu
unterwerfen.  Dabei  wurde  ein  Kurzstäbchen  in  Reinkultur  gewonnen,  welches  sich  regelmäßig
  in  reiner  Kinderlymphe,  wie  in  den  verschiedenen  Thierlymphesorten,  Retrovaccine  2c.
vorfand.  Mit  diesem  Kurzstäbchen  wurden  mittels  dreimal  umgezüchteter  Bouillon=  und
Agar-Rein-Kultur  mehrere  Kälber  unter  Benutzung  einer  sterilisirten  Platin-Iridium-Lanzette
am  Bauche  und  Schenkel  sorgfältig  geimpft,  jedoch  blieb  die  Impfung  in  allen  Fällen  vollständig
  erfolglos.  Als  dann  die  Thiere  mit  reiner,  frischer  Kinderlymphe  nachgeimpft
wurden,  entwickelten  sich  in  ganz  regelrechter  Weise  tadellose  Pusteln  von  erstklassiger
Virulenz.  Die  Thiere  waren  demnach  durch  die  erste  Impfung  nicht  immunisirt  worden,
folglich  war  das  isolirte  Kurzstäbchen  nicht  identisch  mit  dem  Lymphe-Virus.

In  Dresden  sind  Proben  der  Lymphen  regelmäßig  der  Centralstelle  für  öffentliche
Gesundheitspflege  übersandt  und  dort  bakteriologisch  untersucht  worden.

In  Leipzig  ergab  sich  bei  den  im  hygienischen  Institute  durch  den  Assistenten  ausgeführten
  bakteriologischen  Untersuchungen  der  Lymphe  die  Thatsache,  daß  bei  der  Mehrzahl
  der  unter  Tegmin-Verband  gezüchteten  Lymphesorten  eine  ganz  bedeutend  geringere
Keimzahl  festgestellt  wurde  als  im  vorigen  Jahre  in  der  Lymphe  der  ohne  Schutzdecke  behandelten
  Thiere.  Im  Vorjahre  schwankte  die  Keimzahl  im  cem  Lymphe  zwischen  6  500
und  800  000  und  betrug  durchschnittlich  19  000  bei  Aussaat  der  Lymphe  am  2.  Tage
nach  der  Abnahme  derselben.  Bei  den  beiden  ersten  im  Berichtsjahre  ohne  Verband  behandelten
  Kälbern  waren  die  Keimzahlen  am  2.  Tage  592  000  und  245  000.  Dagegen
betrug  bei  den  folgenden  4  Kälbern  nach  Tegminverband  die  Keimzahl  am  2.  Tage  nur
je  400,  700,  240  und  520.  Die  nächsten  2  Kälber  zeigten  wieder  höhere  Keimzahlen;
Kalb  Nr.  7  in  der  einen  Hälfte  der  Lymphe  30000,  in  der  andern  Hälfte,  die  von  einer
Anzahl  etwas  gelblich  gefärbter  Pusteln  abgenommen  war,  sogar  800  000,  die  bei  abermaliger
  Untersuchung  nach  21  Tagen  bis  auf  96  herabgegangen  waren.  Bei  Kalb  Nr.  8,
das  wegen  langsamer  Entwickelung  der  Pocken  erst  nach  5mal  24  Stunden  abgeimpft
worden  war,  ergab  die  frische  Lymphe  124.000  Keime.  Bei  diesen  beiden  Kälbern  ist  der
Mißerfolg  in  Bezug  auf  die  Keimfreiheit  mit  Wahrscheinlichkeit  auf  Verunreinigung  der
Impffelder  durch  vorzeitiges  Abplatzen  des  Tegminverbandes  zurückzuführen.  Zwar  wurde

vor  der  Wiederanlegung  eines  neuen  Verbandes  die  Impffläche  regelmäßig  sorgsältig  ge-Mediz.-stat.
  Mittheil.  a.  d.  Kaiserl.  Gesundheitsamte.  Bd.  VI.