Metadata : Blätter für Rechtsanwendung. LXIV. Band. (64)

Ueber  den  Begriff  des  Jukrafttretens  von  Gesetzen.  361

hältnisse,  für  welche  die  Vorschriften  dieses  Einführungsgesetzes  gegeben
sind,  sich  derzeit  noch  nicht  nach  diesen  Vorschriften  bestimmen,  da  sich  die
Vorschriften  —  sei  es  ausdrücklich  oder  stillschweigend  —  Wirksamkeit  erst
vom  Zeitpunkte  des  Inkrafttretens  des  Bürgerlichen  Gesetzbuches  an  beilegen.
  Also  gerade  dasjenige,  was  oben  mit  dem  Begriffe  des  Inkrafttretens
  verknüpft  wurde,  daß  nämlich  damit  die  im  Gesetze  geregelten
Verhältnisse  der  Regelung  des  Gesetzes  thatsächlich  unterworfen  zu  sein
beginnen,  wird  nach  dieser  Auffassung  als  unwesentlich  für  den  in  Frage
stehenden  Begriff  betrachtet.  Es  kann  sein,  daß  die  Gesetzesbestimmungen
im  Zeitpunkte  des  Inkrafttretens  wirksam  werden,  wenn  dies  z.  B.  bezüglich
  der  Bestimmungen  des  BGB.  ohne  weiteres  angenommen  wird.  Es
kann  aber  auch  dieses  im  einzelnen  Falle  anders  sein,  z.  B.  beim  Einführungsgesetze
  zum  BGB.  Der  Sinn,  der  hienach  mit  dem  mehrgedachten
Begriffe  verbunden  wird,  muß  also  ein  wesentlich  anderer  sein,  und  welches
dieser  Sinn  ist,  das  entnimmt  man  wohl  am  Deutlichsten  aus  den  Ausführungen
  des  Senatspräsidenten  v.  Jacubezky  gelegentlich  der  Berathungen
der  Abgeordnetenkammer  zu  Art.  21  d.  Entw.  eines  Gesetzes,  die  durch
die  Einführung  des  BGB.  veranlaßten  Aenderungen  der  seit  1818  erlassenen
  Gesetze  betr.  (Verh.  der  K.  d.  Abg.  Beil.  Bd.  20  Abth.  II  S.  568).

Senatspräsident  von  Jacubezky  führte  aus:

„Iöch  halte  es  für  richtig,  daß  das  Einführungsgesetz  schon  in  Kraft  getreten

ist.  Das  Gesetz  bestimmt  keinen  Termin  für  sein  Inkrasttreten.  Nach  Art.  2

der  RV.  ist  es  also  vierzehn  Tage,  nachdem  das  Reichsgesetzblatt  in  Berlin

ausgegeben  worden  ist,  d.  h  am  7.  September  1896  in  Kraft  getreten.  Seine

Vorschriften  haben  allerdings  nicht  den  Sinn,  daß  die  Rechtsverhältnisse,

  für  die  sie  gegeben  sind,  sich  schon  jetzt  nach  ihnen

bestimmen,  sondern  sie  legen  sich  diese  Wirksamkeit  erst  von  dem

Inkrafttreten  des  BG.  bei.  Aber  das  Gefetz  sagt  jetzt  schon,  was

vom  1.  Jannar  1900  an  gelten  soll.  Es  bestimmt  jetzt  schon,  daß  am

1.  Jannar  1900  die  Reichsgesetze,  welche  in  Art.  33—54  geändert  werden,  die

neue  Fassung  erhalten.  Es  bestimmt  auch  jetzt  schon,  daß  der  Unterhaltsanspruch

der  unehelichen  Kinder  gegenüber  den  väterlichen  Großeltern  für  die  Zeit  nach
dem  1.  Jannar  1900  nicht  mehr  besteht,  das  ist  also  geltendes  Recht.

Wenn  es  also  jetzt  schon  eine  Norm  des  Inhalts  gilt,  daß  die  Unterhaltspflicht

der  väterlichen  Großeltern  eines  unehelichen  Kindes  sich  über  das  Jahr  1899

nicht  hinauserstreckt,  so  hat  das  Gericht  diese  Norm  auch  jetzt  schon  anzuwenden

und  ich  muß  es  deshalb  für  richtig  erachten,  daß  das  hiesige  Oberlandesgericht,
wie  mir  bekannt  geworden  ist,  in  diesem  Sinne  erkannt  hat.“

Diese  Auffassung  des  Begriffes  Inkrafttreten  scheint  die  Neuheit
ebenso  für  sich,  als  die  Richtigkeit  gegen  sich  zu  haben.

Ein  Gesetz,  das  noch  nichts  sagt,  noch  nichts,  auch  nicht  für  die
Zukunft,  vorschreibt,  ist  überhaupt  ein  Nichts.  Es  würde  also  vor  dem
„Inkrafttreten“  hienach  das  Gesetz  überhaupt  noch  nicht  existiren.  Nimmt
man  aber  an,  daß  mit  der  Gesetzesverkündigung  das  Gesetz  bereits  existirt