Full text : Tagebuchblätter. Erster Band. (1)

29.  November  Dreizehntes  Kapitel  449

mir  Engel  vergnügt  nach:  „Herr  Doktor,  nun  wirds  gut,  nun  wirds
bald  alle  mit  Paris."

„Wieso?  Ich  denke,  das  kann  noch  lange  dauern.  Sie  wollen
ja  nicht  schießen."“

„Nein,  Herr  Doktor,  ich  weiß  es,  darf  es  aber  nicht  sagen."

„Na,  sagen  Sie  nur  los."“

De  flüsterte  er  mir  übers  Treppengeländer  herauf  zu:  „Krausnik
ist  heute  beim  Kriegsminister  gewesen.  Da  habens  die  Diener  (er
dachte  dabei  möglicherweise  an  eine  durchs  Schlüsselloch  sich  ins
Vorzimmer  ergießende  Quelle)  gehört,  wie  unser  Herr  Minister  zum
König  gesagt  hat:?  Majestät,  Sie  wollen  ja  nicht,  daß  bombardiert
wird.«  —  »Was  —  sagte  der  König  —,  ich  wollte  nicht?  Ich
will  wohl,  aber  mein  Sohn,  der  will  nicht.  —  Nun  —  hat  da
unfre  Exzellenz  gesagt  —,  dann  befehlen  Euer  Majestät,  daß  angefangen
  wird.  Und  so  hat  der  König  heute  zum  Herrn  Minister
gesagt:  „Am  2.  geht  das  Bombardement  los.““

Nach  zehn  Uhr  kanonierten  die  Franzosen,  zu  welchem  Zwecke,
blieb  ungewiß,  von  ihren  Forts  wieder  aus  allen  Kräften.  Beim
Thee,  zu  dem  auch  der  Chef  kam,  und  zwar  noch  im  Mantel,
trafen  weitere  günstige  Nachrichten  über  die  Schlacht  von  gestern
ein.  Man  sprach  dann  erst  über  das  jetzt  immer  wieder  in  den
Vordergrund  tretende  Thema  der  Verzögerung  des  Bombardements,
dann  über  die  Genfer  Konvention,  von  der  der  Minister  äußerte,
die  werde  man  kündigen  müssen;  denn  das  gehe  so  nicht,  auf  diese
Art  ließe  sich  nicht  Krieg  führen.

Delbrück  hat,  wie  es  scheint,  nicht  recht  deutlich  über  die  Aussichten
  telegraphiert,  die  die  Abmachungen  mit  Bayern  auf  Durchgehen
  im  Reichstage  haben.  Es  sieht  aus,  als  ob  dieser  nicht
beschlußfähig  wäre,  und  als  ob  die  Versailler  Verträge  vom  Fortschritt
  und  dem  Nationalliberalismus  zugleich  Anfechtung  erfahren
würden.

Der  Chef  bemerkt  dazu:  „Was  die  Fortschrittler  angeht,  so
sind  sie  nur  konsequent  damit;  die  wollen  nach  1849  zurück.  Aber
die  Nationalliberalen?  Ja,  wenn  sie  nicht  wollen,  was  sie  zu  Anfang
dieses  Jahres  noch  mit  aller  Macht  erstrebten  —  im  Februar  —,
und  was  sie  jetzt  haben  können,  so  müssen  wir  sie  auflösen,  den

Reichstag.  Dann  wird  die  Fortschrittspartei  bei  den  Neuwahlen
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