Full text : Verhandlungen des Reichstags. 314. Band. (314)

Reichstag.  —  195.  Sitzung.  Donnerstag  den  24.  Oktober  1918.

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(Noske,  Abgeordneter.)

(Al  Ich  habe  bis  heute  niemals  Herrn  Haase  den  Glauben

GB

—

an  seine  gute  Loyalität  bestritten.  Aber  wenn  er  heftig
von  dieser  Stelle  aus  gegen  uns  polemisiert,  muß  man
uns  schon  zugestehen  —  soviel  Redefreiheit  wird  es  auch
noch  bei  den  Unabhängigen  geben  —,  daß  wir  ihm  gegenüber
  unsere  Argumente  zur  Geltung  bringen.  Erhebend
ist  ja  das  Schauspiel  nicht,  daß  Vertreter  deutscher
Arbeiter  von  dieser  Stelle  aus  so  miteinander  reden.
(Lebhafte  Zustimmung  bei  den  Sozialdemokraten.  —
Andauernde  Zurufe  bei  den  Unabhängigen  Sozialdemokraten.)


Präsident:  Meine  Herren,  durch  das  gegenseitige
Anschreien  wird  das  Schauspiel  nicht  schöner.

Abgeordneter  Noske:  Meine  Herren,  deutsche  Fehler
sollen  nicht  beschönigt  werden,  aber  daß  der  Eroberungsund
  Kriegswille  in  den  gegnerischen  Ländern  nicht  durch
bloßen  deutschen  Verzicht  auf  Annexionen  rasch  zu  überwinden
  war,  das  bewiesen  uns  doch  wahrhaftig  die  letzten
Wochen  und  Monate  aufs  allerdeutlichste.

(Lebhafte  Zustimmung  bei  den  Mehrheitsparteien  und

rechts.)
Außerste  Rechte  und  äußerste  Linke  haben  auch  gestern
sich  gegenseitig  sehr  lebhaft  Beifall  gespendet.
(Sehr  gut!  bei  den  Mehrheitsparteien.  —  Zurufe
bei  den  Unabhängigen  Sozialdemokraten.)
—  Wenn  ich  Ihnen  antworten  soll:  Herr  Ledebour  hat  ja
selber  einen  seiner  Freunde  hier  wegholen  müssen,  weil  er
sich  geschämt  hat,  daß  er  den  Konservativen  Beifall  gespendet
  hat.  —  Ich  sprach  davon,  daß  Fehler,  die  gemacht
worden  sind,  gut  zu  machen  sind,  soweit  es  nicht  zu  spät
ist.  Eine  amtliche  deutsche  Stelle  hat  erklärt,  daß  von
polnischer  Seite  die  Aufrechterhaltung  der  deutschen  Besetzung
  Polens  gewünscht  sei.  Die  amtlichen  Organe  der
polnischen  Regierung  stellen  das  entschieden  in  Abrede.
Der  Wunsch,  in  den  östlichen  besetzten  Gebieten  kein  Chaos
entstehen  zu  lassen,  ist  begreiflich.  Aber  es  gibt  keinen
Dank  dafür,  wenn  deutsche  Soldaten  in  den  besetzten  Gebieten
  weiter  Polizeidienste  tun.
(Sehr  richtigl)
Man  lasse  sich  schleunigst  in  den  besetzten  Gebieten  demokratische
  Regierungen  und  Volksvertretungen  bilden,  die
dann  sehen  mögen,  wie  sie  fertig  werden.  Bütteldienste
für  die  polnischen  Großgrundbesitzer  zu  leisten,  ist  nicht
mehr  Aufgabe  der  deutschen  Soldaten.
(Sehr  richtig!)

Mit  Recht  ist  gestern  davon  gesprochen  worden,  daß
Königskronen  im  Werte  gesunken  sind.  Die  finnische  Königsfrage
  soll  vorläufig  in  der  Schwebe  bleiben.  Was  die
Finnen  tun  werden,  ist  ihre  Sache.  Jetzt  entscheidet  in
diesem  Lande  aber  nicht  das  Volk,  sondern  eine  Oberschicht,
  die  sich  nur  behaupten  kann,  solange  die  deutschen
Soldaten  im  Lande  sind.  Es  heißt,  der  hessische  Prinz,
der  finnischer  König  werden  soll,  hat  sich  Bedenkzeit  erbeten.
  Mir  scheint  es  erwägenswert,  ob  dem  deutschen
Offizier  —  der  Prinz  ist  wohl  General  —  nicht  zu  untersagen
  ist,  daß  er  außer  Landes  geht.  Auch  Soldaten,
die  Prinzen  sind,  gehören  jetzt  an  den  Feind.

Zur  inneren  Einigung  in  dieser  furchtbar  schweren
Zeit,  die  jetzt  Deutschland  erlebt,  ist  mehrfach  gemahnt
worden.  Dazu  gehörte  ein  allseitig  guter  Wille.  Er  ist
leider  nicht  vorhanden.  Unberechtigte  Beschuldigungen
müssen  wir,  die  wir  uns  für  die  Demokratisierung  Deutschlands
  rückhaltlos  einsetzen,  zurückweisen.  Es  geht  nicht
an,  das  Toben  und  Treiben  der  Reaktionäre  stillschweigend
hinzunehmen.  Die  Leute,  die  den  furchtbarsten  Zusammenbruch
  ihrer  Politik  erlebt  haben,  werfen  jetzt  die  Schuldfrage
  auf  und  suchen  die  Aufmerksamkeit  durch  Lärm  von
sich  und  ihrem  Treiben  abzulenken.  Wir  zweifeln  nicht
daran,  daß  sie  gleichzeitig  bemüht  sind,  eine  spätere  Re- 



aktion  vorzubereiten.
Hut  sein.

Wir  wünschen,  daß  ein  freundschaftliches  Verhältnis
zu  den  Völkern  im  Osten  so  rasch  wie  möglich  angebahnt
wird.  Deshalb  ist  die  Frage  am  Platze,  was  z.  B.  mit
den  Leuten  geschehen  ist,  die  die  furchtbaren  Urteile
  verschuldeten,  von  denen  vor  wenigen  Tagen  mein
Freund  Ebert  sprach.  Wir  haben  einen  Zivilkommissar
für  die  besetzten  Gebiete.  Ich  frage,  was  von  seiner  Seite
aus  geschehen  ist,  damit  dafür  Sorge  getragen  wurde,  daß
solche  tollen  Sachen  in  den  besetzten  Gebieten  sich  nicht
wiederholen  können.  Können  Leute,  die  diese  entsetzlichen
Urteile  gefällt  haben,  auch  jetzt  noch  dort  wüten?

Herr  Graf  v.  Posadowsky  hat  gestern  von  der  Schuld
von  Jena  gesprochen.  Herr  v.  Graefe  hat  in  einem  Artikel
  über  den  Friedensschluß  der  neuen  Regierung  höhnisch
als  von  einem  ersten  Heldenstück  gesprochen.  Er  hat  die
neue  Regierung  als  eine  solche  des  moralischen  Zusammenbruchs
  gekennzeichnet,  die  Deutschland  einem  Jena  entgegenführe,
  schlimmer  als  das  vor  hundert  Jahren.  Wenn
die  oben  verzagen,  soll  das  deutsche  Volk  nicht  verzagen.
Da  erwidern  wir  aus  eigener  Kenntnis  der  Dinge,  unser
Volk  —  das  mögen  sich  die  Konservativen  merken  —  ist
gar  nicht  verzagt.  Unser  Volk  besinnt  sich  erst  auf  seine
volle  Kraft  und  wird  sie  anwenden  zu  seiner  Befreiung

und  seiner  Rettung.
(Zuruf  rechts.)

Lassalle  hat  vor  mehreren  Jahrzehnten  sehr  richtig  gesagt,
daß  infolge  eines  Kriegs  in  Deutschland  wohl  Regierungen
zusammenbrechen  könnten,  aber  wie  ein  Phönix  wird  aus
der  Asche  unzerstörbar  sich  wieder  erheben  das,  worauf
es  uns  ankommt,  deutsche  Volk.

(Glocke  des  Präsidenten.)

Präsident:  Meine  Herren,  es  wird  dem  Redner  zu
schwer,  sich  verständlich  zu  machen.
Saale  eine  ganze  Anzahl  von  Gruppen;  es  ist  nicht
möglich,  in  dieser  Art  zu  verhandeln.  Ich  bitte,  die  Aufmerksamkeit
  dem  Redner  zuteil  werden  zu  lassen.

Noske,  Abgeordneter:  Meine  Herren,  was  jetzt  das
deutsche  Volk  erneut  in  eine  Lage  gebracht  hat,  die  Herr
v.  Graefe  mit  der  Preußens  nach  Jena  verglich,  das  sind
zum  Teil  dieselben  Ursachen  wie  vor  mehr  als  hundert
Jahren:  junkerliche  und  militärische  Uberhebung,  politische
Rückständigkeit,  Widerwille  gegen  innerpolitische,  unaufhaltsame
  Neuerungen.  Der  Zusammenbruch,  von  dem
Herr  v.  Graefe  sprach  und  von  dem  auch  sonst  die  Konservativen
  sprechen,  war  da,  als  vor  einigen  Tagen  die
neuen  Exzellenzen  Scheidemann,  Erzberger,  Gröber  —  mit
Herrn  v.  Graefe  zu  reden  —  sich  zur  Teilnahme  an  der
Regierung  entschlossen,  und  nicht  Scheidemann  und  Erzberger
  —  um  das  noch  einmal  zu  wiederholen,  da  es
schon  ausgesprochen  ist  —,  sondern  der  Kronrat  unter  dem
Vorsitz  des  Kaisers  und  unter  Teilnahme  Hindenburgs
war  es,  der  den  Waffenstillstand  vorschlug.

Meine  Herren,  Herr  Graf  Westarp  hat  am  Dienstag
gerufen:  die  Stunde  der  Abrechnung  wird  kommen.  Das
Recht,  Abrechnung  zu  fordern,  erkenne  ich  durchaus  an.
Aber  die  Alldeutschen  und  die  Konservativen  und  ihre
Presse  haben  diese  Abrechnung  wahrhaftig  nicht  zu  fordern,
sondern  sie  dürfen  sich  darauf  verlassen,  daß  sie  von  ihnen
gefordert  werden  wird.

Die  Sozialdemokraten  Bayerns  haben  eine  dankenswerte
  Anregung  gegeben,  indem  sie  kürzlich  auf  ihrem
Parteitag  forderten,  daß  ein  Staatsgerichtshof  gebildet
werde,  der  die  Schuldfrage  prüfe.  Er  wird  sich  nicht
zuletzt  mit  der  Frage  zu  beschäftigen  haben,  welcher  Art
die  Verhandlungen  waren,  die  Graf  Bernstorff  vor  zwei
Jahren  mit  Wilson  über  eine  Friedensaktion  führte,  und
wer  diese  Bemühungen,  zur  Beendigung  des  Krieges  zu

Deshalb  muß  das  Volk  auf  der  (O

Es  bilden  sich  im  (DO)