Full text : Die parlamentarische Thätigkeit des Deutschen Reichstages und der Landtage von 1874-1876.

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Bourgeois  vom  reinsten  Wasser,  —  selbst  im  Aeußeren  —  ein
feines  Gefühl  und  Verständniß  für  Bourgeois-Interessen  hat.

Herr  Camphausen  war  lange  Jahre,  ehe  er  Minister  wurde,
Aufsichtsrath,  Vorstandsmitglied  und  Direktor  von  verschiedenen
Eisenbahn-,  Industrie=  und  Bank-Unternehmungen,  und  hat  sich
in  diesen  Stellungen  ein  sehr  schönes  Vermögen  erworben.  Er
ilt  als  der  erste  Gourmand  (Feinschmecker)  der  Residenz,  und
höle  so  exquisite  Weine,  daß  sie  der  kaiserliche  Keller  nicht  besser
aufweist.  Davon  wissen  liberale  Abgeordnete  viel  zu  erzählen,
die  an  seinem  Tisch  zusammenkommen,  um  sich  mit  ihm  über
die  Lasten  der  Staatsgeschäfte  und  die  schwere  Kunst  des  Regierens
  zu  unterhalten.

Kein  Wunder,  daß  ein  solcher  Mann  stets  die  Welt  von
der  rosigen  Seite  sieht  und  darnach  spricht  und  seine  Maßnahmen
trifft.  —  So  geschah  es  auch  in  der  Sitzung  vom  20.  November
1875,  wo  er  bereits  einen  Ueberfluß  an  flüssigen  Kapitalien  vorhanden
  sah  (die  nur  leider  für  die  nicht  vorhanden  sind,  die  sie
am  nöthigsten  brauchten)  und  die  Herabsetzung  des  Bankdiskontos
befürwortete.  Nach  ihm  sollte  die  wirthschaftliche  Entwickelun
in  naher  Zukunft  (wie  nahe  sich  diese  Herr  Camphausen  wohl
vorstellen  mochtet)  eine  bessere  Wendung  nehmen.  Er  erklärte
allerdings  gleich  darauf  selbst,  möglicher  Weise  als  ein  „salscher

Prophet“  zu  erscheinen,  —  was  er  auch,  und  zwar  recht  sehr,
geworden  ist,  —  aber  es  halte  ihn  dies  nicht  ab,  seine  Ansicht
darzulegen.

Bei  solchen  Stimmungen  und  Ansichten  in  der  Regierung
und  der  Volksvertretung  ist  es  ganz  natürlich,  daß  man  auf  dem
betretenen  Wege  beharrt,  und  erst  dann  zur  Einsicht  kommt.  —
wenn  es  zu  spät  ist.

So  werden  dem  Volke  fortgesetzt  die  gewaltigsten  Opfer
zugemuthet  für  Dinge,  die  nur  zu  seinem  Unheil  dienen,  während
seine  materiellen  und  intellektuellen  Interessen  die  größte  Nothleiden,
  und  kaum  die  dürftigsten  Summen  dazu  vorhanden  sind.
An  die  Ausführung  eines  ausgedehnten  Kanal=  und  Bewässerungs-Systems
  zu  gehen,  das  eine  totale  Umgestaltung  und  Verbesserung
unserer  Vozbndertbktnis,  des  Klimas  und  des  Transports  zur
Folge  haben  müßte,  daran  kann  der  Staat  nicht  denken.  Eine
Boden-Melioration  über  das  ganze  Land,  mit  nach  streng  wissenschaftlichen
  Grundsätzen  vorgenommener  Be=  und  Entwaldung
herbeizuführen,  wo  das  Eine  oder  Andere  nothwendig  sein  sollte,
dazu  fehlen  ihm  nicht  blos  die  Mittel,  dazu  fühlt  er  auch  keinen
Beruf,  weil  dies  ja  ein  Eingriff  in  die  geheiligten  Rechte  der
Grundbesitzer,  namentlich  der  Großgrundbesitzer,  —  und  deren
Interessen  sind  maßgebend  —  wäre.  —  Statt  durch  eine  großartige
  Organisation  von  ländlichen  und  industriellen  Fachschulen

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