Full text : Geschichte der Deutschen Frauenwelt. Zweiter Band. (2)

Die  Hexen.  169

diger  Kritik  von  allen,  welche  jemals  gethan  wurden.
Spee  hatte  als  Beichtiger  eine  Menge  von  Hexen  zum
Tode  vorbereiten  und  zum  Scheiterhaufen  begleiten  müssen.
Was  er  da  gesehen  und  gehört,  hatte  ihm  in  noch  jungen
Jahren  das  Haar  ergrauen  gemacht  133).  Es  ließ  ihm
keine  Ruhe,  er  mußte  ein  Zeugniß  ablegen  für  die  Opfer
und  gegen  die  Henker.  So  schrieb  er  sein  Buch,  in
welchem  er  mit  richtigem  Takte  die  Betonung  auf  die  Darstellung
  des  Verfahrens  gegen  die  Hexen  legte,  indem  er
darauf  ausging,  zu  zeigen,  daß  dieses  Verfahren  schlechterdings
  alle  Angeklagten,  auch  die  schuldlosesten,  auf  den
Scheiterhaufen  bringen  müßte.  Der  Beweis  hierfür  wurde
von  Spee  in  seiner  meisterhaft  psychologischen  Darlegung
der  „Summa  des  Processes  im  Zauberei-Laster“  geliefert.
Zunächst  freilich  vergebens,  um  so  mehr,  als  die  juristische
Autorität  jener  Tage,  Benedikt  Karpzow,  in  seiner  1635
erschienenen  „Kriminalpraktik“  das  ganze  Gewicht  seiner
blödsinnigen  Gelehrsamkeit  zu  Gunsten  des  Hexenprocesses
in  die  Wagschale  legte.  Erst  mit  dem  Einfluß,  welchen
des  Niederländers  Balthasar  Becker  berühmtes  Buch
„De  batooverde  weereld"  (1691)  gewann,  brach  sich
die  Vernunft  allmälig  in  weiteren  Kreisen  Bahn  und
legte  sich,  wenn  auch  nicht  der  Hexenwahn,  so  doch  die
Hexenbrandwuth  nach  und  nach.  Als  dann  unser  großer
Aufklärer  Christian  Thomasius  auf  der  Gränzscheide  des
17.  und  18.  Jahrhunderts  seine  ruhmvolle  Laufbahn
begonnen  hatte,  war  es  nicht  das  kleinste  seiner  großen

133)  Nach  dem  Zeugniß  von  Leibnitz,  abgegeben  in  der  Theodicee,
  I,  97.