Rede, geh. bei der Gedächtnisfeier der Kgl. Friedr. Wilh.-Universität zu Berlin. 123
alle Bänke des Reichstages füllten sich mit seinen Anhängern. Sie
durchflutete unsere Jugend, und brandete in allen Erdteilen, wo immer
deutsche Herzen schlugen. Von ihr gehoben, stimmten jetzt auf allen
Kathedern die Professoren der Geschichte in den Jubel ein, allen voran
ihr Chorführer, der Herold des neuen Reiches, der Unvergeßliche, Heinrich
von Treitschke. In diesen Tagen fühlte sich Bismark selbst von der
Gewalt der Strömung wie üÜberwältigt und fast abgedrängt von seinem
alten Boden, als er dem preußischen Partikularismus des Grafen Roon
die alte Zeit vorhielt, da die Brandenburger ihren alten Namen mit
dem der Preußen vertauscht hätten, und ihn auf die zukünftige hinwies,
die, wie er zu Gott hoffe, kommen werde, „wo unsere Söhne es sich
zur Ehre rechnen werden, den Söhnen des Königs in einer königlich
deutschen Flotte und im königlich deutschen Heere zu dienen“. Der
Elementarkraft dieser Bewegung ordnete auch er jetzt jedes andere Ziel
seiner Politik unter, und sein preußisches Herz durchdrang sich ganz mit
der Idee des neuen Deutschlands. Das ununnterbrochene Bewußtsein
der Verantwortlichkeit für die Zukunft, die Gleichsetzung seiner perfönlichen
Ehre mit der des Vaterlandes übertrug er fortan auf seine
Stellung zu der deutschen Nation. Von diesem Empfinden geleitet,
nahm er am 13. Juli 1870 mit der Umredigierung der Emser Depesche
das Schicksal unseres Volkes in seine Faust: zwei Minuten genügten
ihm, um die Nation in die Schrecknisse des Krieges, in die Bahn unverwelklichen
Ruhmes und auf den Weg ihres neuen Lebens zu drängen.
Da leerten sich die Hörsäle und die Werkstätten. Der Geist der
Freiheitskämpfer kam über unser Volk. Er verscheuchte das kägliche
Gelichter, daß sich ihm noch entgegenstemmte, in die hintersten Winkel;
er führte die süddeutschen Brüder zu uns und bewährte auf hundert
Schlachtfeldern germanische Krast und Treue. Das waren herrliche Zeiten.
Es waren die frohen Tage, da Preußens Genius nach heißem
Werben, lange gesucht und gemieden, sich der Seele Germaniens endlich
doch vermählte.
Heute, nach mehr als fünfundzwanzigjähriger Ehe, find diese Empfindungen
einigermaßen abgekühlt. Und schon find die Klatschbasen
wieder bei der Hand, um über Zwist und drohende Trennung zu
zischeln. Solchen Unkenrusen entgegen können wir auf die Allgenpropheten
hindeuten, welche Jahrzehnte lang Unglück weisfagten, weil
alles in dem neuen Bauwerk auf den Einen zugeschnitten sei: giebt es
heute wohl in aller Welt etwas, das fester wäre, als die Einigung der
deutschen Fürstenhäuser, das Fundament, auf dem Bismarck das Reich
errichtet hat? Auch mögen wir noch einmal daran denken, daß in dem