Full text : Erinnerungen an die Kriegsjahre im Königlich Preußischen Kriegsministerium. Dritter Band. Wehr und Waffen 1914-1918. (3)

172  Erstes  Kapitel

Wir  stützten  die  türkische  und  bulgarische  Währung  durch  Darlehen
  von  großer  Höhe  und  stundeten  die  Bezahlung  unserer  ungeheueren
Heereslieferungen.  Dafür  trat  eine  dauernde  Verschlechterung  des
Markkurses  auf  dem  Balkan  ein,  und  wir  hatten  keine  dortigen  Devisen
zum  Begleich  unserer  Einkäufe.

Unser  nachgiebiges  Verhalten  ist  nur  dadurch  zu  erklären,  daß
unsere  politische  Leitung  dauernd  unter  der  Furcht  vor  einer  Absplitterung
  der  Bundesgenossen  bei  scharfem  Anfassen  litt  und  daher  tatkräftiges
  Auftreten,  wie  auch  auf  politischem  Gebiet,  scheute.

Während  die  Regelung  der  finanzpolitischen  Beziehungen  in
Händen  des  Auswärtigen  Amtes  und  des  Reichsschatzamtes  lag  und
die  Abgabe  von  Kampftruppen  und  sonstigen  Formationen  an  die  Verbündeten
  durch  die  O.  H.  L.  in  die  Hand  genommen  wurde,  war  es  die
schwierige  Aufgabe  des  preußischen  K.  M.,  in  Verbindung  mit  den
übrigen  beteiligten  Dienststellen,  die  in  ungenügender  Weise  für  einen
modernen  Krieg  ausgestatteten  Heere  Osterreich-Ungarns  und  der  durch
die  mehrjährigen  Kriege  erschöpften  Türkei  und  Bulgariens  nicht  nur
mit  neuem  und  modernem  Kriegsmaterial,  sondern  auch  mit  Rohstoffen
aller  Art  dauernd  zu  versorgen.

Die  beigefügten  Anlagen  und  Textangaben  zeigen,  in  wieviel  geringerem
  Umfange  die  Verbündeten  ihrerseits  Deutschland  in  dieser
Beziehung  geholfen  haben,  sie  lassen  aber  nicht  die  außerordentlichen
Schwierigkeiten  erkennen,  die  das  K.  M.  im  Verkehr  mit  den  in  Betracht
  kommenden  Behörden  der  Verbündeten  zu  überwinden  hatte,  um
selbst  diese  Hilfen  zu  erreichen.  In  vielen  Fällen  hat  es.  der  äußersten
Tatkraft  und  Langmut  unserer  Vertreter  bedurft,  um  die  notwendigen
Unterstützungen  und  Lieferungen  —  unter  nachdrücklichster  Betonung
des  gemeinsamen  Zieles  —  durchzusetzen.

In  dem  ersten  Kriegsjahr  vollzog  sich  die  Unterstützung  Österreich-Ungarns
  und  auch  der  Türkei  ohne  jegliche  Uberwachung  durch  eine
deutsche  Zentralstelle.  Alle  möglichen  Dienststellen  und  viele  Privatkreise
  sowohl  in  Deutschland  wie  in  OÖsterreich-Ungarn  und  in  der  Türkei
interessierten  und  beteiligten  sich  an  dieser  Unterstützung,  letztere  nicht
immer  nur  aus  rein  patriotischen  Gründen.  Daß  dieser  Zustand  bei
längerer  Kriegsdauer  die  schädlichsten  Folgen  in  militärischer  und  finanzieller
  Hinsicht  für  Deutschland  herbeiführen  mußte,  war  klar.  In
erster  Linie  ist  es  dem  unmittelbaren  Eingriff  des  ehemaligen  Kriegs-