Italien. (August 1.—November 20.) 351
1. August. Bei einer Nachwahl in Rom wird Coccapellier
gewählt, welcher eben eine Gefängnisstrafe wegen öffentlicher falscher
Beschuldigung der Erpreffung gegen angesehene Männer verbüßt.
18. Oktober. Der Kultusminister macht im Ministerrate
Vorschläge zur Unterdrückung der klerikalen Propaganda.
Die Vorschläge richten sich insbesondere gegen die Jefuiten, welche
aus Belgien und Frankreich einwandern und Erziehungsanstalten gründen,
in welchen die Jugend bei außerordentlicher Pflege aller materiellen Bedürfnisse
systematisch zu staatsfeindlichen Gesinnungen herangebildet wird.
Ende Oktober. (Marine.) Der Finanzminister stellt dem
Marineminister einen in 4 Jahresraten zu 15 Millionen zahlbaren
weiteren Betrag von 60 Millionen zur Ausführung einiger Küstenforts
und den Bau neuer Schiffe zur Verfügung.
4., 7., 23. und 24. November. Antiklerikale Demonstrationen
in Mantua, Mailand, Vicenza und Ravenna. In
Vicenza kommt es zu Ruhestörungen, ganze Haufen geistlicher
Bücher werden von der demonstrierenden Menge verbrannt. Nachts
wird dagegen an den Straßenecken ein Plakat: „Hoch der König-Papst
im Vatikan!" angeklebt. In Ravenna sammelt sich eine
nach Tausenden zählende Menge bei der durch den Protest der Kapuzinnerinnen
gegen Aufhebung ihres Klosters gewaltsamen Offnung
desselben an, zischt die Abtissin aus und ruft fortgesetzt: „Nieder
mit dem Vatikan! nieder mit den Klerikalen!“
7. November. Die Gedenkfeier des Gefechts von Mentana
gestaltet sich zu einer großartigen, antipäpstlichen Kundgebung.
Die Zahl der Teilnehmer übersteigt 10000, zahlreiche
Veteranen. Professor Giovagnoli, ein Mitkämpfer von jenem Tage
spricht.
Er wendet sich in heftiger Rede gegen den Vatikan, den er als den
kaltblütigsten und gewissenlosesten Feind Italiens bezeichnet. „Würde jemals“,
so schließt er, „das Schicksal es fügen, daß die Hoffnungen des Papstes auf
Wiederherstellung weltlicher Herrschaft sich neu belebten, so werden wir, eher
als wir uns beugen, vom Vatikan keinen Stein auf dem andern, nicht einmal
ein Säulenkapitäl für künftige Archäologen-Geschlechter übrig lassen.“
Ein Redner, der Abgeordnete Majochhi, fordert, die katholische Religion
als Staatsreligion abzuschaffen.
9.—11. November. (Rüstungen.) In allen italienischen
Arsenalen und auf den Staatswerften beginnt eine gesteigerte Thätigkeit,
die Nachtarbeit wird auch an Sonn= und Feiertagen nicht unterbrochen.
Offiziös wird jede außergewöhnliche Thätigkeit in Abrede
gestellt. -
20. November. Wiederzusammentritt der Kammern.
Europ. Geschichtskalender. Bd. XXVII. 23