Metadaten : Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks.

78  I.  6.  Der  Kulturkampf  im  Jahre  1872.

zurückgeben,  und  Bayern  blieb,  unter  von  Pfretzschners  Leitung,  im  alten  gulen
Fahrwasser.

Diese  Vorgänge,  namentlich  der  Erlaß  des  Jesuitengesetzes,  steigerten  die  Erbitterung
  der  Jesuitenpartei  in  Nom  und  insbesondere  des  Papstes  selbst  ins  Ungemessene.
  Am  24.  Juni  1872  empfing  der  Papst  eine  Abordnung  des  deutschen
Lesevereins  in  Nom,  welcher  er  eine  Ansprache  hielt,  ans  der  wir  die  Hauptstellen
herausheben:

„Wir  haben  es  mitl  einer  Verfolgung  zu  thun,  die,  von  weitem  vorbercilet,  jenzt  ausgebrochen
ist;  es  ist  der  erste  Minister  einer  mächtigen  Regierung,  der  nach  seinen  siegreichen  Erfolgen  im
Felde  sich  an  die  Spitze  der  Verfolgung  gestellt  hat.  Ich  habe  ihn  wissen  lassen,  dast  ein  Triumph
ohne  Mäßigung  von  keiner  Dauer  ist;  daß  ein  Triumph,  der  sich  in  einen  Kampf  gegen  die
Wahrheit  und  die  Kirche  einläßt,  der  größte  Wahnsinn  i#l..  Ich  habe  die  Frage  an  den  Mini
slerpräsidenten  stellen  lassen,  warum  nun  auf  einmal  die  Katholiken  sich  in  Leute  verwandelt  haben
sollten,  die  den  Gehorsam  verweigern,  gefährliche  Umtriebe  machen,  auf  den  Untergang  des  Staates
sinnen?  Die  Antwort  erwarte  ich  noch  immer,  vielleicht  weil  es  auf  die  Wahrheit  keine  Ant
wort  gibt.  Wer  weiß,  ob  nicht  bald  sich  das  Steinchen  von  der  Höhe  loslöst,  welches  den  Fu
des  Kolosses  zertrümmert.“

Die  Rede  machte  in  ganz  Deutschland  ungeheures  Aufsehen  und  erregte  einen
Sturm  von  Entrüstung  gegen  Nom.  Weniger  klug  hätte  der  Unfehlbare  nicht  gut
reden  können,  um  sich  die  letzten  Sympathien  in  Deutschland  zu  verscherzen,  um  seine
Todfeindschaft  gegen  das  jumge  Deulsche  Reich  zu  ossenbaren.  Von  dieser  Seite  saßten
namentlich  die  Organe  Bismarcks  jene  Ansprache  auf.  Die  „Provinzialkorrespondenz“
schrieb  am  3.  Juli:

„Wenn  der  Papst  diese  Fragen  in  Wahrheit  an  den  Fürsten  Bismarck  gerichtet  hätle,  eine
Angabe,  die  jedoch  auf  einem  Irrunm  des  Gedächtnisses  zu  beruhen  scheint,  so  würde  doch  der
Neichskanzler  schon  deshalb  kaum  haben  aunehmen  können,  dast  der  Papst  im  Ernsie  eine  Ant
wort  darauf  erwarte,  weil  es  durchaus  dieselben  Fragen  sind,  welche  im  Laufe  des  letzten  Jahres
Fürst  Bismarck  und  Se.  Majestät  der  König  wiederholt  mahnend  an  die  Katholiken  gerichtel
haben..  Diese  ossene  Kußerung  des  Papstes  enthält  vor  allem  einen  neuen  Fingerzeig  für
unfre  Regierung,  daß  es  sich  bei  den  lrchlichen  Fragen  nicht  um  Meinungen  und  Handlungen
der  einzelnen  Bischöse,  sondern  um  einen  einheitlich  geleiterten  Kampf  handelt,  daß  daher  auch
die  Abwehr  nicht  auf  den  einzelnen  Fall  gerichtet  sein  darf,  sondern  siets  den  großen  Zusammen
hang  der  antinationalen  kirchlichen  Bewegung  im  Auge  behalten  mus.  Wir  werden  uns  bei
jedem  weiteren  Schrikte  bewuß#t  bleiben  miüssen,  daß  der  Wunsch  der  Gegner  daranf  gerichtet  ist,
dem  mächtigen  Deutschen  Reiche  den  Fuß  zu  zerschmettern.“

Während  unn  das  deutsche  Jesuitenblatt,  die  „Germania“,  die  Deutung  der
päpstlichen  Worte  auf  das  Deutsche  Reich  in  Abrede  zu  stellen  oder  abzuschwächen  versuchte
  durch  den  Hinweis,  daß  die  Stelle  dem  Kapitel  II  des  Propheten  Daniel  entnommen
  sei,  und  der  Prophet  felbstverständlich  nicht  das  Deutsche  Reich,  sondern  „die
dem  Neiche  Gottes  feindliche  Weltmacht“  unter  dem  „Koloß“  verstanden  habe,  gab
die  gm  katholische  „Schlesische  Volkszeitung“  ihrem  Schmerz  über  die  päpstliche  Ansprache
  lauten  Ansdruck.