Full text : Demokratie und Kaisertum.

Gedanken  stets  vorhanden,  aber  sie  war  von  allen  Ideen  des  damaligen
Nationalismus  die  unklarste  und  umstrittenste.  Im  Wort  „Kaiser“  lagen
glänzende  und  beschämende  Erlebnisse  der  deutschen  Geschichte  nahe  bei—
einander,  und  wer  damals  vom  Haiser  sprach,  mußte  ohne  weiteres  an
die  Entwickelung  des  habsburgischen  Kaiserhauses  denken.  Man  fühlte
dem  Wort  etwas  vom  Hauche  des  Mittelalters  an,  von  Romantik,  Kreuzfabrt,
  Alpenzug,  aber  auch  von  Interregnum,  CTanossa  und  Finanzuot.
Wenn  sich  eine  Majorität  für  das  Erbkaisertum  in  der  Frankfurter  Haulskirche
  fand,  so  war  doch  das  Stimmenverhältnis  schließlich  so,  daß  am
28.  März  1840  nach  Ausscheiden  der  Osterreicher  200  Stimmen  für  den
Erbkaiser  waren,  248  Abgeordnete  sich  aber  der  Stimme  enthielten.  Auch
für  viele  Sustimmende  war  der  Schritt,  den  sie  taten,  indem  sie  dem
preußischen  König  Friedrich  Wilhelm  IV.  die  Krone  anboten,  ein  schwerer
Weg  in  eine  dunkle  Sukunft.  Wir  müssen  uns  hüten,  das  glückliche  Ergebnis
  der  Deriode  Kaiser  Wilhelms  I.  und  Wilhelms  II.  rückwärts  zu
verschieben.  Was  damals  weit  stärker  war  als  die  Kaiseridee,  war  der
Gedanke  der  politischen  und  wirtschaftlichen  Einheit  an  sich,  und  zwar  der
Wirtschaftseinheit  im  Sinne  der  gewerblichen,  finanziellen  und
industriellen  Entwickelung.  Hinter  dem  rednerisch  mehr  hervortretenden
  allgemein  nationalen  Jdealismus  lag  ein  beträchtliches  Duantum
von  geschäftlichem  Realismus,  und  dieser  Realismus  ist  es,  der  die
wichtigsten  Teile  des  Frankfurter  Derfassungsentwurfes  geschaffen  hat.
Denn  wichtiger  als  der  breit  besprochene  Abschnitt  über  die  „Grundrechte
des  deutschen  Dolkes“  ist  von  Anfang  an  gewesen  und  durch  die  Anlehnung
  der  Bismarckschen  Reichsverfassung  an  den  Frankfurter  Entwurf
noch  mehr  geworden  der  Abschnitt  über  den  sachlichen  Inhalt
der  Reichsgewalt.  In  diesem  Abschnitt  ist  das  ausgesprochen,  was
die  damals  vorwärts  treibende  bürgerliche  Schicht  eigentlich  wollte.  Dier
ist  es  ohne  Rücksicht  auf  vorhandene  hemmende  Faktoren  frei  formuliert.
Was  also  wollten  die  Frankfurter  Dropheten  des  neuen  Reichesd  Sie
wollten  einheitliche  Regelung  folgender  Gebiete:

1.  Dölkerrechtliche  Zeziehungen,  diplomatischen  Derkehr,  Staatsbündnisse,

Handelsverträge;
2.  Entscheidung  über  Krieg  und  Frieden,  einheitliche  Wehrverfassung,  Seemacht;