Meutsches Neich. (Juni 26.) 657
erkennen wirb. Den Verständigungswillen zu kräftigen, scheint uns noch
immer der einzige Weg zu einem nahen Frieden, und ihn müssen wir
gehen, unbekümmert um das Geschrei von rechts und links. Arbeiten wir
weiter für den Frieden, für Brot und Freiheit. (Lebh. Zust.)
Die nachfolgende Debatte, die auch die politische Gesamtlage, die
Friedensfrage, das Ernährungswesen und Verfassungsfragen berührt, findet
ihren Abschluß in der einstimmigen Annahme folgenden von Löbe beantragten
Beschlusses: „Der Parteiausschuß spricht nach Kenntnisnahme des
Berichts der deutschen Delegation auf der St. Vorkonferenz sein Einverständnis
mit der gesamten Tätigkeit der deutschen Delegierten aus und
stimmt den Leitsätzen zu, welche sie über die Stellung der deutschen Partei
zum Verständigungsfrieden abgegeben hat. — Der Parteiausschuß ersucht
die deutsche Delegation, die Arbeiten bis zur Hauptversammlung in St.
nach Kräften zu fördern.“
Hierauf befaßt sich der Ausschuß mit dem zum 12. Aug. einberufenen
Parteitag. Nach längerer Debatte wird die vom Vorstand vorgeschlagene
diesbezügliche Tagesordnung (1. Bericht des Vorstandes a) Allgemeines
— Ebert; b) Kasse — Braun; 2. Bericht der Kontrollkommission — Brühne;
3. Bericht der Reichstagsfraktion — Dr. David; 4. Die nächsten Aufgaben
der Partei — Scheidemann; 5. Anträge; 6. Wahl des Parteivorstandes,
der Kontrollkommission usw.) einstimmig angenommen und Würzburg als
Ort des Parteitags festgesetzt. Punkt 4 soll in vier Untergruppen gegliedert
und für jede Gruppe ein besonderer Berichterstatter bestellt werden, und
zwar: Demokratisierung: Landsberg, Wirtschaftspolitik: Cunow, Finanzpolitik:
Keil, Sozialpolitik: Wissel. Diese vier Berichterstatter sollen schriftliche
Berichte geben, die spätestens drei Wochen vor dem Parteitag veröffentlicht
werden. — Mit Rücksicht auf die für den 15. Aug. geplante
Sozialistenkonferenz in Stockholm wird der Parteitag später (auf den
14. Okt.) verschoben.
26. Juni. (Preußen.) Polnische Sprache im Religionsunterricht.
Die „Nordd. Allg. Ztg.“ teilt unterm 25. mit: Wie wir erfahren,
hat der Kultusminister neuerdings über den Gebrauch der polnischen
Sprache im Religionsunterrichte der Volksschulen der Provinz
Posen eine Anordnung getroffen, welche seinen bereits in einer Reihe von
Einzelfällen getroffenen Entscheidungen allgemeine Bedeutung verleiht. Schon
von Beginn des Krieges an hat die Unterrichtsverwaltung Wert darauf
gelegt, den Religionsunterricht in poln. Sprache in den Schulen der Prov.
Posen da wiederherzustellen, wo er wegen Mangels an Polnisch sprechenden
Lehrern hatte eingestellt und durch Religionsunterricht in deutscher
Sprache ersetzt werden müssen. Außerdem wurden auch Anträge von beteiligter
Seite auf Zulassung der poln. Sprache im Religionsunterrichte
der Unterstufe in mehreren Fällen berücksichtigt, in denen ein größerer Teil
der Schulanfänger nicht genügende Vorkenntnisse im Deutschen besitzt.
Nunmehr soll auch ohne besonderen Antrag der Beteiligten überall da, wo
von den in die Schule eintretenden Kindern ein Teil der deutschen Sprache
nicht ausreichend mächtig ist, für diese Kinder auf der Unterstufe Religionsunterricht
in poln. Sprache eingeführt werden. Wenn an einer Schule
Polnisch sprechende Lehrer nicht vorhanden sind, werden die Lehrer benachbarter
Schulen oder, soweit oder solange das nicht möglich ist, geeignete
Geistliche mit der Erteilung des Religionsunterrichts für die Polnisch
sprechenden Kinder betraut werden. Unter Berücksichtigung der Zahl der
Deutsch und der nur Polnisch sprechenden Kinder sowie der verfügbaren
Lehrkräfte haben die Regierungen das Nähere in jedem Falle zu verfügen.
Europäischer Geschichtskalender. LVIII. 42