Full text : Protokolle der im October 1873 im Königlich Preußischen Unterrichts-Ministerium über verschiedene Fragen des höheren Schulwesens abgehaltenen Conferenz.

80

Erfahrung  lehre,  daß  eine  lebende  Sprache  richtig  nur  von  solchen
gelehrt  werden  könne,  welche  die  Sprache  als  ihre  Muttersprache
redeten.  -,

Was  den  Unterricht  in  der  Geschichte  und  Geographie
betrifft,  so  wurde  zu  dem  Wunsche  des  Referenten,  es  möchte
darauf  Bedacht  genommen  werden,  daß  der  geographische  Unterricht
in  den  untersten  Classen  auch  dem  Lehrer  der  Naturgeschichte
(nicht  ausschließlich  dem  Historiker)  zugewiesen  werden  könne,  bemerkt,
  daß  der  Verwirklichung  dieses  Wunsches  der  Mangel  an
dazu  gerigneten  Lehrern  der  Naturgeschichte  entgegenstehen  werde
(Dillenburger).  Von  anderer  Seite  (Schrader)  wurde  die
Meinung  ausgesprochen,  daß  wenigstens  für  das  Gymnasium  die
Ertheilung  des  geographischen  Unterrichtes  durch  den  Lehrer  der
Geschichte  am  angemessensten  erscheine.  —  Der  Wunsch  des  Referenten,
  daß  der  geographische  Unterricht  in  Quinta  verstärkt
werde,  wurde  von  anderer  Seite  (Dillenburger)  getheilt,  und
dabei  hervorgehoben,  daß  in  der  Geographie  gegenwärtig  in  den
Gymnasien  zu  wenig  geleistet  werde;  man  müsse  für  den  geschichtlichn
  und  geographischen  Unterricht  in  Sexta  und  Ouinta
4  Stunden  wöchentlich  ansetzen,  und  in  diesen  Classen  namentlich  auch
die  antiken  Mythen  lehren,  um  die  gegenwärtig  in  dieser  Beziehung
in  den  oberen  Classen  hervortretende  Unwissenheit  zu  beseitigen.

gHr.  Ostendorf  erklärte  die  Forderung  von  2  Stunden
wöchentlich  für  die  Geographie  in  den  Clafsen  von  Serta  bis
Ober-Tertia  incl.  für  unabweislich;  dieser  Unterricht  dürfe  aber
nicht  in  einer  Weise  betrieben  werden,  welche  den  Schäüler  lediglich
receptiv  bleiben  lasse,  sondern  hier  gerade  müsse  die  Productivität
der  Schüler  durch  Kartenzeichnen  in  Anspruch  genommen  werden;
nur  wenn  dies  geschehe,  könne  den  Klagen  der  Civil=  und  Militair-Behörden
  über  die  in  Bezug  auf  Geographie  herrschende  Unwissenheit
  ein  Ende  gemacht  werden.

Ueber  das  Unterrichtsziel  in  der  Mathematik  machten  sich
verschiedene  Meinungen  geltend.  Während  sich  die  Mehrzahl  derer,
welche  sich  hierüber  äußerten,  mit  dem  Referenten  für  Beibehaltung
der  gegenwärtigen  Verhältnisse  aussprach,  wurde  von  anderer  Seite
(Reichensperger)  hervorgehoben,  daß  der  jetzige  Unterricht  des
Gymnasiums  im  allgemeinen  zu  weit  gehe  und  nur  unbedentende
Früchte  trage.  Es  zeige  sich  der  geringe  Erfolg  beispielsweise  in
dem  bekannten  borror  der  Juristen  vor  allen  Rechnungssachen;
man  fliege  zu  hoch  und  verliere  dabei  den  Boden  unter  den  Füßen.
Um  eine  Besserung  des  Zustandes  herbeizuführen,  müßte  nicht  nur
das  Jiel  des  mathematischen  Unterrichts  niedriger  gesteckt,  sonderm
auch  darauf  hingearbeitet  werden,  daß  die  elementare  Mathematik
ründlicher  als  bisher  getrieben  und  dem  Schüler  gleichsam.  in
Peish  und  Blut  gebracht  werde.