weiteren Schritt getan hat, der noch viel entscheidender aie alle rein politischen
Gesichtopunkte dazu beigetragen hat, Rußland von Deutschland zu entfernen
und schließlich schlechtweg zu Frankreichs Waffenknecht zu machen. Rußland
hatte allerdinge selbst den Anstoß gegeben, indem es im Jahre 1887 den deutschrussischen
Wirtschaftskrieg eröffnet hatte. Es hatte gewisse Absperrungemaßnahmen
gegen den deutschen Handel eingeleitet, deren hauptsächlichste die war,
daß es die Eingangezölle auf zablreiche wichtige deutsche Einfuhrartikel erböhte.
Diesen Schritt beantwortete Biemarck, indem er Rußland den deutschen Geldmarkt
verschloß. Damit machte er es dem stets geldbedürftigen Zarenreiche
unmöglich, seine chronische Anielhenot in Deutschland zu befriedigen. Mit
dleser Maßregel hat Biemarck selber Rußland in Frankreiche Arme getrieben
und dadurch an sein gewaltiges Lebenswerk die Sprengpatrone geiegt. Was
wollte es neben dieser tlef einschneidenden Maßregel besagen, daß erst im Vorsahre
der „Rückversicherungsvertrag“ zwischen den Höfen von Berlin und Petersburg
erneut bekräftigt worden war? Schon zu Anfang des folgenden Jahres
war die erste russische Anleihe in Paris untergebracht, und seitdem ist Rußland
in immer stärkere wlrtschaftliche Abhängigkeit von Frankreich geraten, welche
die politische und mllitärische zur notwendigen Folge haben mußte.
Biemarck ist der Meinung gewesen, daß zwei Länder trotz beftiger wirtschaftlicher
Kämpfe in ausgezeichneten politischen Bezlehungen stehen könnten.
Daß das ein schwerer Zrrtum war, braucht heute nicht mehr betont zu werden.
„Deutschland und Rußland kratzen und umarmen sich zu gleicher Zeit,“ soll er
nach einem Berlchte des damallgen belgischen Gesandten in Berlin einmal vertraulich
geäußert haben. Nun, die Umarmungen haben sich im Laufe der Zelt
verloren, und das Kratzen hat sich in Todesbisse verwandelt.
Aber noch nach anderer Richtung hat Biemarck den Wert höfischer Bündnisse
überschätzt: nämlich gegenüder tlefelnschnelidenden Geilstesströmungen der
Völker. Die hler in Betracht kommende Volkostimmung ist der Panflawismus.
Sämtliche Zaren haben dieser Bewegung mehr oder weniger ablehnend gegenübergestanden.
Trotzdem hat sie, geschürt durch eine gewaltige und zielbewußte
Agltation, sich immer mehr des russischen Volkes ebensowohl wie seiner Schützlinge
bemächtigt, bis sie schließlich dem Zarentum über den Kopf wuchs und gegen
die Nelgung des letzten Zaren Rußland in den Weltbrand schleuderte.
Es lst also, delläufig bemerkt, unzutreffend, wenn Viemarck nach seinem
Sturze seinen Nachfolger Capriol für das „Abreißen des Drahtee nach Petersburg“
verantwortlich gemacht hat, weil dieser den Rückversicherungevertrag
nicht erneuert habe. Der Wert dieses Vertrages war lnfolge von Biemarcke
eigenen wirtschaftlichen Maßnahmen längst sehr fragwürdig geworden.
Caprivi hat in vollem Einverständnle mit seinem Kaiser sich zur Nichterneuerung
dieses Vertrages entschlossen, well er der Auffassung war, daß dessen Abmachungen
slch mit den DPflichten der Loyalität gegenüber unserem österreichischen
Bundesgenossen nicht vertrügen.
Es waren also wirtschaftliche und politische Tatsachen, welche die rasch anschwellende
Entfremdung zwischen Oeutschland und Rußland herbeiführten und
dem neuen Reiche neben dem bezwungenen, aber unversöhnlichen Gegner
im Westen einen neuen furchtbar gefährlichen Feind im Osten erstehen ließen.
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