Volltext : Regierungs-Blatt für das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin. Jahrgang 1916 (3)

weiteren  Schritt  getan  hat,  der  noch  viel  entscheidender  aie  alle  rein  politischen
Gesichtopunkte  dazu  beigetragen  hat,  Rußland  von  Deutschland  zu  entfernen
und  schließlich  schlechtweg  zu  Frankreichs  Waffenknecht  zu  machen.  Rußland
hatte  allerdinge  selbst  den  Anstoß  gegeben,  indem  es  im  Jahre  1887  den  deutschrussischen
  Wirtschaftskrieg  eröffnet  hatte.  Es  hatte  gewisse  Absperrungemaßnahmen
  gegen  den  deutschen  Handel  eingeleitet,  deren  hauptsächlichste  die  war,
daß  es  die  Eingangezölle  auf  zablreiche  wichtige  deutsche  Einfuhrartikel  erböhte.
Diesen  Schritt  beantwortete  Biemarck,  indem  er  Rußland  den  deutschen  Geldmarkt
  verschloß.  Damit  machte  er  es  dem  stets  geldbedürftigen  Zarenreiche
unmöglich,  seine  chronische  Anielhenot  in  Deutschland  zu  befriedigen.  Mit
dleser  Maßregel  hat  Biemarck  selber  Rußland  in  Frankreiche  Arme  getrieben
und  dadurch  an  sein  gewaltiges  Lebenswerk  die  Sprengpatrone  geiegt.  Was
wollte  es  neben  dieser  tlef  einschneidenden  Maßregel  besagen,  daß  erst  im  Vorsahre
  der  „Rückversicherungsvertrag“  zwischen  den  Höfen  von  Berlin  und  Petersburg
  erneut  bekräftigt  worden  war?  Schon  zu  Anfang  des  folgenden  Jahres
war  die  erste  russische  Anleihe  in  Paris  untergebracht,  und  seitdem  ist  Rußland
in  immer  stärkere  wlrtschaftliche  Abhängigkeit  von  Frankreich  geraten,  welche
die  politische  und  mllitärische  zur  notwendigen  Folge  haben  mußte.

Biemarck  ist  der  Meinung  gewesen,  daß  zwei  Länder  trotz  beftiger  wirtschaftlicher
  Kämpfe  in  ausgezeichneten  politischen  Bezlehungen  stehen  könnten.
Daß  das  ein  schwerer  Zrrtum  war,  braucht  heute  nicht  mehr  betont  zu  werden.
„Deutschland  und  Rußland  kratzen  und  umarmen  sich  zu  gleicher  Zeit,“  soll  er
nach  einem  Berlchte  des  damallgen  belgischen  Gesandten  in  Berlin  einmal  vertraulich
  geäußert  haben.  Nun,  die  Umarmungen  haben  sich  im  Laufe  der  Zelt
verloren,  und  das  Kratzen  hat  sich  in  Todesbisse  verwandelt.

Aber  noch  nach  anderer  Richtung  hat  Biemarck  den  Wert  höfischer  Bündnisse
  überschätzt:  nämlich  gegenüder  tlefelnschnelidenden  Geilstesströmungen  der
Völker.  Die  hler  in  Betracht  kommende  Volkostimmung  ist  der  Panflawismus.
Sämtliche  Zaren  haben  dieser  Bewegung  mehr  oder  weniger  ablehnend  gegenübergestanden.
  Trotzdem  hat  sie,  geschürt  durch  eine  gewaltige  und  zielbewußte
Agltation,  sich  immer  mehr  des  russischen  Volkes  ebensowohl  wie  seiner  Schützlinge
  bemächtigt,  bis  sie  schließlich  dem  Zarentum  über  den  Kopf  wuchs  und  gegen
die  Nelgung  des  letzten  Zaren  Rußland  in  den  Weltbrand  schleuderte.

Es  lst  also,  delläufig  bemerkt,  unzutreffend,  wenn  Viemarck  nach  seinem
Sturze  seinen  Nachfolger  Capriol  für  das  „Abreißen  des  Drahtee  nach  Petersburg“
  verantwortlich  gemacht  hat,  weil  dieser  den  Rückversicherungevertrag
nicht  erneuert  habe.  Der  Wert  dieses  Vertrages  war  lnfolge  von  Biemarcke
  eigenen  wirtschaftlichen  Maßnahmen  längst  sehr  fragwürdig  geworden.
Caprivi  hat  in  vollem  Einverständnle  mit  seinem  Kaiser  sich  zur  Nichterneuerung
dieses  Vertrages  entschlossen,  well  er  der  Auffassung  war,  daß  dessen  Abmachungen
  slch  mit  den  DPflichten  der  Loyalität  gegenüber  unserem  österreichischen
Bundesgenossen  nicht  vertrügen.

Es  waren  also  wirtschaftliche  und  politische  Tatsachen,  welche  die  rasch  anschwellende
  Entfremdung  zwischen  Oeutschland  und  Rußland  herbeiführten  und
dem  neuen  Reiche  neben  dem  bezwungenen,  aber  unversöhnlichen  Gegner
im  Westen  einen  neuen  furchtbar  gefährlichen  Feind  im  Osten  erstehen  ließen.

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