102 Das drulsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Juni 26.)
man sie umgehen lann. Barna und Sophia sind den Russen preisgegeben
worden. Wer wird Rußland verhindern können, in Varna eine
Expedition zur See vorzubereiten und seine Truppen an einem beliebigen
Puntte der rumelischen Küste auszuschiffen? Noch leichter wird es die Balkanlinie
zu nichte machen können, wenn es eine Armee geraden Wegs von Sophia
nach Adrianopel dirigirt. Hat man denn die Lehren des letzten Kriegs
schon vergessen? Sobald die Einnahme von Plewna den Russen gestattete,
sich Sosia's Zu bemächtigen, aus welchem die Pforte trotz der dringenden
Rathschläge Osman Pascha's versäumt hatte, ein zweites Plewna zu machen,
stand Numelien vor ihnen ossen. Wir wollen nicht zu hart urtheilen über
diese famose Balkanlinie, welche der Lieblingsgedanke des Lord Beaconsfield
und des Grasen Andrassy zu sein scheint; aber auf uns macht es, el hrlich
gesagt, den Eindruck, als ob die europäische Diplomatie sorgsältig aͤlle Fenster
eines Hauses schlösse, dessen Hauptthor sie in den Händen derer läßt,
welche es bedrohen. Zudem darf man sich durch das Wort: Balkanlinie
nicht täuschen lassen. Auch hier hat Nußland nur im Prinzip nachgegeben,
und eine militärische Kommission soll die Anordunng erst in die Praxis
übertragen. Mit „elchen Schwierigkeilen wird aber diese Kommission zu
lämpfen haben! Die Engländer hakten für die Türken das Recht verlangt,
den Gebirgslamm zu besetzen. Daran ist gar nicht zu denken! riefen jogleich
die Russen. Sollen wir ctwa das Fort St. Nikolans ausliefern, das wir
so lange mit unserm VBlute befpritzt haben? Sollen denn die Türlen von
dieser herrschenden Slellung aus die so theuer erla uste Unabhängigkeit Bulgariens
bedrohen können? Diese Gründe sind gewiß sehr sentimental und
sehr rührend; aber wenn die Türlei als ganze Vertheidigungslinie das Recht
erwirkt, den südlichen Ausgang der Valkanpässe Zu besetzen, so erwirkt sie,
wie das Veispiel von Schipka gegeigt hat, in Wahrheit gar nichts. Es gebricht
uus an Raum, um die Hinfälligkeit der anderen Erfolge Europa's
darzuthnn. Wie kann man davon sprechen, daß der Türkei die Militärgewalt
in Numelien erhalten bliebe, wenn sir unr in den Pässen und an
der Südgrenze Ostrumeliens Garnison halten darf! Der gange mittlere Theil
der Provinz wird den Devölkerungen preisgegeben sein, und man wird dort
nicht einmal eine türkische Genedarmerie haben, die sie allein verhindern könnte,
sich gegenseilig aufzufreisen. An bestimmten Punkten Garnisonen zusammenupferchen,
ist übrigens ein nichts zuu#iges System und der erste Schritt zu
einer gänzlichen Räuümung, wie man schon in Serbien gesehen hat. Der unablässigen
Einmischung Bulgariens ausgesett wird Ostrumelien nur eine
Dependenz dieses Fürstenthums sein. Der pomphafte Name, den man ihm
gegeben hat, wird es vor diesem Loose nicht bewahren. Indem der Kongreß
darein willigte, Rumelien in zwei Theile zu spalten und den einen derselben
zu einer autonomen Proving zu erheben, hat er das Prinzip der Cohäsion
des türkischen Reichs, die letzte Bürgschaft eines dauernden Friedens und des
allgemeinen Gleichgewichts, preisgegeben. Zudem soll die russische Occupation
neun Monate dauern, ein langer Feitranm, in welchem die gefährlichsten
Verwicllungen ausbrechen können. Der Congreß verfällt ossenbar in denjelben
Fehler, welcher der Conferen) von Kouftanlinopel so verhängnisvoll
geworden ist. Er nimmt auf die Türken har keine Rücksicht, als ob sie gar
nicht mehr vorhanden oder als ob sie nicht im Stande wären, lieber Alles
zu erdulden, als sich erdrücken zu lassen, ohne sich zu wehren. Sie schweien
jetzt, aber man weiß, was sich hinter diesem Schweigen verbergen kann.
Rußland gibt sich die größte Mühe, die Lage seiner Armee zu verhehlen;
diese Lage ist aber eine solche, daß Niemand weiß, was geschehen kann.“
26. Juni. Congreß: Fürst Gortschakoff, der den letzten Sitz-