Full text : Kriegführung und Politik.

Der  Reichstag  und  die  Vernachlässigung  der  Wehrkraft.  57

sonders  erzieherisch  wirken,  wenn  sie  klarlegt,  aus  welchen  inner—
politischen  Gründen  die  Regierung  nicht  schon  zu  Anfang  des
Jahrhunderts  eine  umfassende  Heeresvorlage  gebracht  hat,  sondern
sich  immer  wieder  mit  Unzulänglichkeiten  begnügte.  Daß  im  Jahre
1910  eine  große  Heeresvorlage,  die  uns  zum  Siege  geführt  hätte,
aus  politischen  Gründen  nicht  eingebracht  wurde,  steht  fest.

Die  Haltung  des  Zentrums  und  der  Fortschrittspartei  in  der
Frage  der  Ausnutzung  der  Wehrkraft  unserer  Kolonien  blieb  ablehnend,
  trotzdem  die  Forderungen  der  Regierung  auch  hier  mehr
als  bescheiden  waren.

Die  Sozialdemokratie  arbeitete  nach  dem  bekannten  demokratischen
  Schlagwort  der  „Konfliktszeit“  der  sechziger  Jahre
vorigen  Jahrhunderts:  „Dieser  Regierung  keinen  Mann  und
keinen  Groschen“.  Sie  tat  nichts  für  die  Sicherung  des  Vaterlandes
  gegen  den  äußeren  Feind;  sie  hoffte  statt  dessen  auf  die
Zweite  Internationale.  Diese  Hoffnung  gründete  sich  allein  auf
ihre  Wünsche,  ihr  eigensüchtiges  Denken  und  auf  die  Tatsache,  daß
die  Sozialdemokratische  Partei  Deutschlands  die  hauptsächlichste
Trägerin  der  Zweiten  Internationale  war.  Das  Hoffen  beruhte
weder  auf  dem  Einfluß  ihrer  Anhänger  in  den  voraussichtlich
feindlichen  Staaten,  noch  auf  dieser  Leute  wirklichem  Denken').

*)  „Einkehr.“  Betrachtungen  eines  sozialdemokratischen  Gewerkschaftlers
über  die  Politik  der  deutschen  Sozialdemokratie  von  Emil  Kloth.  München  1920.

Wie  es  mit  dem  „internationalen  Denken“  der  englischen  Anhänger  der
Zweiten  Internationalen  aussah,  zeigen  —  ebenfalls  nach  dieser  Schrift  —  die
Worte  Ledebours,  die  er  an  die  englischen  Vertreter  auf  dem  Internationalen
Sozialistenkongreß  in  Kopenhagen  1910  richtete:

„Woher  nehmen  Sie  denn  das  moralische  Recht,  anderen  Völkern  den
Generalstreik  zu  gebieten,  wenn  Sie  im  eigenen  Lande  nicht  so  konsequent  antimilitaristisch
  sind  wie  alle  anderen  sozialdemokratischen  Porteien?  Solange  Sie  das
Budget  und  damit  die  Waffen  bewilligen  zur  Ausrüstung  der  englischen  Söldnertruppen,
  die  die  Völker  knechten  und  die  Kriege  führen,  dürfen  Sie  uns  mit  so
weitgehenden  Anträgen  nicht  kommen.“

Für  die  englischen  Arbeiter  war  also  anscheinend  die  Zweite  Internationale
nur  das  Mittel,  die  anderen  Völker  zu  schwächen,  damit  England  seine  imperialistische
  Politik  um  so  sicherer  sortsetzen  konnte.

Der  hervorragendste  französische  Vertreter  der  Zweiten  Internationalen,
Jean  Jaures,  schrieb  in  seinem  Buche  „Die  neue  Armee“  (Juni  1913):