Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

Bie  Serreighisch-umzarische  Meonerchie.  (Juni  28.—30.)  141

landes  daran  glaubt.  Nicht  bloß  im  feindlichen,  sondern  auch  im  neutralen
Ausland  finden  diese  Fabeln  Glauben.  Für  das  Ausland  ist  Oesterreich
noch  vielfach  der  Staat,  in  dem  Silvio  Pellico  in  den  Kerkern  des  Spielberges
  schmachtete.  Es  läßt  sich  nicht  leugnen,  daß  auch  die  Ereignisse  der
letzten  Jahre  dazu  beigetragen  haben,  daß  die  Masaryk  und  Konsorten  und
andere  Renegaten  im  Auslande  die  Meinung  wieder  verbreiten  konnten,
Oesterreich  sei  ein  autokratischer  regierter  Staat,  als  z.  B.  selbst  das  zaristische
Rußland  gewesen  ist.  Der  Umstand,  daß  das  österreichische  Parlament  so
lange  nicht  einberufen  worden  ist,  hat  dieser  Meinung  verhängnisvollen
Vorschub  geleistet.  Gewiß  darf  das  Urteil  des  Auslandes  nicht  dafür  maß.-gebend
  werden,  wie  wir  uns  zuhause  einrichten.  Aber  wir  dürfen  auch  nicht
etwas  Nützliches  deshalb  zurückstoßen,  weil  auch  das  Ausland  es  dafür
hält.  Insbesondere  müssen  wir  die  Vorurteile  des  Auslandes  soviel  als
möglich  zerstreuen.  Was  weiß  das  Ausland  von  uns?  Es  kennt  die  „Lustige
Witwe“,  und  es  weiß  von  unseren  Parlamentsskandalen.  Die  beiden  Vorurteile
  des  Auslandes,  die  uns  am  meisten  geschadet  haben,  waren  die,
daß  kulturell  hochstehende  Nationen  in  Oesterreich  bedrückt  werden  und
wegen  des  Widerstandes  dieser  Nationen  Oesterreich  dem  inneren  Zerfall
entgegengehe.  Diese  Vorurteile  sind  mit  eine  der  Ursachen  des  großen  Krieges
gewesen.  Wer  diese  Borurteile  noch  bestärkt,  schadet  Oesterreich,  verlängert
den  Krieg,  vermindert  die  Aussicht  auf  einen  baldigen,  ehrenvollen  und
dauernden  Frieden.  Wir  müssen  alles  tun,  um  unser  Parlament  und  unsere
Verfassung  aktionsfähig  zu  erhalten,  wir  müssen  daher  der  Minierarbeit
derjenigen  entgegentreten,  die  unter  dem  Vorwande  oder  auch  in  der  ehrlichen
  Ueberzeugung,  dadurch  die  Interessen  ihres  Volkes  zu  wahren,  in
Wirklichkeit  doch  die  Interessen  des  gesamten  Volkes  preisgeben  oder  unter-Faben;
  die  ja  nur  dadurch  gesichert  werden  können,  daß  das  Volk  an  der

erwaltung  mitarbeitet.  Gewiß  haben  in  verschiedenen  Nationen  einzelne
gefehlt,  schwer  gefehlt.  Sie  haben  dafür  die  Strafe  erlitten  oder  werden
noch  ihre  Snase  finden.  Aber  auch  Unschuldige  sind  getroffen  worden,
und  diese  müssen  ihre  Genugtuung  und  Entschädigung  haben.  Die  Revision
manches  Verfahrens  wird  unentbehrlich  sein.  Vor  allem  müssen  wir  uns
Leerwärt  halten,  daß  nur  Individuen  gefehlt  haben,  nicht  Nationen.

or  Pauschalverdächtigungen  müssen  wir  uns  hüten.  Eine  der  wichtigsten
Bestimmungen  jedes  Friedensvertrages  ist  die  sogenannte  Amnestieklausel,
  durch  die  über  die  Vergangenheit  der  Schleier  des  Vergessens
ezogen  wird.  Diese  Amnestieklausel  ist  nicht  nur  für  den  internationalen,
ie  auch  für  den  nationalen  Frieden  notwendig.  Eine  gewisse  Reform
der  Verfassung  hängt  auch  mit  der  Frage  des  Friedens  zusammen.  Oesterreich
  ist  ein  Nationalitätenstaat.  Dem  Nationalitätenstaat  entspricht  vor
allem  Freiheit  der  Bewegung,  Selbstverwaltung,  Selbstbestimmung,  Selbstbestimmungsrecht
  der  Nationen.  Dieses  viel  mißbrauchte  Wort  bedeutet
aber  nicht,  daß  die  Zusammenhänge,  die  durch  Jahrhunderte  eingelebt,
wirtschaftlich  tief  verankert  sind,  zerrissen,  bloß  dem  Fetisch  der  Sprache
geopfert  werden,  daß  der  Staat  auseinandergerissen,  nach  sprachlichen
Elementen  zerschlagen  werde  in  kleine  Einheiten  sprachlicher  Gemeinschaften.
  Es  bedeutet  vielmehr,  daß  die  Nationalitäten,  die  in  einem  und
demselben  großen  Staate  zusammen  wohnen,  ihre  Angelegenheiten  in  gewissen
  Beziehungen  wenigstens  selbständig  ordnen.  Es  wird  oft  gesagt,
Oesterreich  sei  ein  Zufallsstaat,  zusammengeheiratet,  zusammengeerbt.  Ist
ein  zusammengeerbter  Staat  nicht  besser  als  ein  zusammengeraubter?  Wenn
es  jemals  eine  Vernunfstheirat  gegeben  hat,  war  es  diese,  und  auf  dieser
Vernunftheirat  beruht  die  österr.-ung.  Monarchie:  sie  beruht  auf  der  Vernunft.
  Vernunft  müssen  wir  auch  haben,  wenn  wir  die  Monarchie  erhalten