Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

86  Zweite5  Buch.  Der  Kampf  um  das  Dasein.

13.  September  Folge  gab,  noch  von  dem  weiterhin  eingeleiteten
reichsrechtlichen  Verfahren  Notiz  nahm.  Kein  Reichskreis  sollte
neutral  bleiben  dürfen.  Oesterreichs  Herrschaft  wurde  offen
proklamiert.  So  konnte  Friedrich  sich  als  Verteidiger  der
deutschen  Freiheit  aufspielen,  ein  bequemes  Schlagwort,  dem
aber  doch  kein  größerer  Wert  beizumessen  war,  als  wenn  er
das  bedrohte  Luthertum  retten  zu  wollen  erklärte.  Wenn  nun
aber  gar  der  ohnmächtige  Kaiser  das  preußische  Heer  des  seinem
König  geleisteten  Treueides  entband  und  anwies,  dem  Rebellen
keine  Hilfe  zu  leisten,  mußte  da  nicht  auch  den  eifrigsten
Preußenfeind  eine  Ahnung  davon  überkommen,  auf  welcher
Seite  für  die  deutsche  Zukunft  etwas  zu  hoffen  war?

Während  seine  Truppen  in  Sachsen,  der  Lausitz  und
Schlesien  lagen,  verbrachte  Friedrich  den  Winter  in  Dresden
in  rastloser,  allumfassender  Thätigkeit.  Fast  durchweg  wurden
die  Regimenter  auf  den  „neuen  Fuß“  gesetzt.  Jede  Compagnie
wuchs  dadurch  um  30  Mann:  das  Grenadierbataillon  zählte
nun  786  und  das  Infanterieregiment  1817  Mann.  Zum  kleinen
Krieg,  namentlich  an  der  schlesischen  Grenze,  wurden  Freicorps
zur  Abwehr  feindlicher  Einfälle,  in  einigen  Provinzen  Landregimenter
  gebildet.  Die  gleichzeitige  Vermehrung  der  Reiterei
und  der  Artillerie  brachte  das  Heer  im  ganzen  auf  über
180  000  Mann.

Nur  wuchsen  die  feindlichen  Heeresmassen  doch  noch  in
ganz  anderem  Maßstabe.  Zwar  beseitigte  die  Berufung  Pitts
an  die  Spitze  der  Geschäfte  die  Gefahr  des  Anuschlusses  von
England  an  die  Gegner  Preußens  und  half  Friedrich  zu  dem
Vertrage  vom  11.  Jannar  1757,  der  ihm  zur  Haltung  von
20  000  Mann  eine  Million  Pfund  Sterling  in  Aussicht  stellte,
bewirkte  auch,  daß  in  London  der  Krieg  gegen  Frankreich  energischer
  betrieben  und  auf  kraftvollen  Schutz  der  hannoverschen
Neutralität  gedacht  wurde.  Aber  schon  daß  er  seinen  zweiten
Sohn,  den  Herzog  von  Cumberland,  zum  Regenten  Hannovers
und  Befehlshaber  der  dort  aufgestellten  Observationsarmee  ernannte,
  konnte  Zweifel  an  der  Ehrlichkeit  Georgs  II.  erwecken,
welche  die  schnelle  Beseitigung  des  kranken  Pitt  aus  dem  Ministerium
  noch  verstärkte.  Seine  westlichen  Lande  wußte  Friedrich