674 Sachsen von 1848—1854.
Gewissenspflicht ans Herz zu legen, die Regierung kräftig zu
unterstützen und die ernsten und schweren Gefahren zu beherzigen,
welche das Gegentheil in der einen oder anderen Richtung
nach sich ziehen müsse. Die Regierungspresse gab sich die erdenklichste
Mühe die Schwankenden bald durch Drohungen, bald
durch Versprechungen zum Erscheinen zu bewegen. Die Einberufenen
waren getheilter Meinung. Den einen dünkte das
Richtige einfach auszubleiben, andere wollten nach Dresden
gehen, aber nur um zu protestieren, ein dritter Theil endlich,
eingeschüchtert oder der revolutionären Erschütterungen überdrüssig
und um jeden Preis nach Ruhe verlangend, war bereit
mit der Regierung zu gehen. Inmitten dieser Zweifel entschied
sich am 20. Juni der Senat der Universität mit 20 gegen
16 Stimmen, darunter denen der bedeutendsten Rechtslehrer,
für Nichtbeschickung des Landtags und beauftragte für den Fall,
daß die Regierung dennoch auf Vornahme der Wahl bestehe,
den Professor des Staatsrechts Albrecht mit ausführlicher Darlegung
der Gründe für seine Weigerung. Im Lager der Feudalen
kannte die Wuth über diesen Beschluß keine Grenzen.
„Wird“, rief die Sachsenzeitung, „das Ministerium Zschinsky
den Muth haben wie das hannoversche Ministerium Scheele,
diese Männer davonzujagen? Mit dem Bettelsack müßten die
Zwanzig, ohnehin zum Theil von fremd her Berufene 1), aus
dem Lande marschieren!“ Auch die Zahl der übrigen Renitenten
war groß, größer noch ihre persönliche Bedeutung, so
daß das Ministerium es nur durch einen neuen Gewaltstreich,
nämlich durch Einberufung der Stellvertreter, die gesetzlich nur
durch die Kammern geschehen konnte, dahin brachte, daß sich
spärlich und langsam die erforderliche Zahl zusammenfand um
am 22. Juli den Landtag eröffnen zu können. Die Thronrede,
kurz und geschäftsmäßig, kündigte an, daß demselben
nur die Gesetze, deren Erledigung jetzt unbedingt nothwendig
erscheine, namentlich das Wahlgesetz, vorgelegt werden
sollten.
1) z. B. Mommsen, Albrecht, Roscher, Jahn, Hankel.